Anna und Jonas fragten abwechselnd unterschiedliche Teilnehmer:innen, warum sie die Farbe gelegt hatten. Mit Nachdruck wurden Teilnehmende ein wenig in die Mangel genommen, warum sie denn nicht für ihre Bedürfnisse eingestanden sind, warum sie denn nichts unternommen hätten, warum sie nicht partizipiert hatten. Und auf der anderen Seite stand die Frage, warum die Spielenden ihre Teammitglieder nicht stärker aktiv miteinbezogen hatten? Obwohl wir vorher unsere demokratischen Werte, wenn auch nur kurz, reflektiert haben, haben wir sie alle ziemlich schnell im Spiel über Bord geworfen. Oder waren wir einfach nicht in der Lage, für sie einzustehen? Was hat uns dazu bewegt, so zu handeln, wie wir gehandelt haben?
Die beiden Workshop Anleitenden haben nicht explizit gesagt, dass wir die Situation nicht als eine Wettbewerbs-, Konkurrenz-, Gewinnsituation verstehen sollen, bei der es um Schnelligkeit und Vorankommen geht. Aber sie haben auch nicht gesagt, dass wir sie so verstehen sollen. Allein der optische Eindruck des Spielfeldes hatte zumindest bei mir, offensichtlich aber auch bei nahezu allen anderen, gereicht, um genau diese Werte in den Vordergrund zu bringen. Und trotzdem hätte sich das Spielen auch ganz anders anfühlen können, wenn mehr Teamgeist und Partizipationswillen bestanden hätte. Hier wurde von mehreren reflektiert, dass die kurze Kennenlernzeit als Team nicht ausgereicht hatte, ein Gefühl füreinander und auch ein Vertrauen zueinander aufzubauen, dass man egal, was wer macht, zusammenhalten würde. Das wirft jedoch die Frage auf, warum wir als Gruppe so schnell auf den Dampfer, alles muss schnell gehen, aufgesprungen sind? Viele Entscheidungssituationen, z. B. bereits die erste, wer überhaupt von den Teams ins Rennen geschickt wird, wurden hastig und ohne ein bewusstes gemeinsames Abtasten, wer gerade worauf Lust hat, abgewickelt. Gemeinsames Innehalten und Herausfinden, wer sich gerade wobei wohlfühlt und was wir tun, fand nicht statt. Genau das wäre das Öffnen eines demokratischen Gruppenprozesses gewesen. Viele Entscheidungen wurden folglich dadurch getroffen, dass eine Person vorangegangen ist und damit eine Richtung gesetzt hat, die in unserem Fall immer von der folgenden Person bestätigt wurde. Die erste Person, die eine Regel aufgestellt hat, hat sich nicht mit ihrem Team oder gar der Gruppe beraten. Alle folgenden taten es ihr gleich. Als außenstehende Gruppe hielten wir uns am Anfang sehr zurück. Keine Anfeuerungsrufe, kein lautes Einmischen in die Regelgebung. Diese Muster wurden nicht mehr aufgebrochen. Es wurden implizite Regeln. Die Spielenden haben einen höheren Status als die, die außen sitzen. Sie dürfen reden, laufen, sich bewegen, Regeln aufstellen. Die Außensitzenden bringen sich nur ein, wenn sie dazu eingeladen werden von den Spielenden oder von Anna und Jonas, (die jedoch während des Spiels komplett in den Hintergrund verschwanden). Es geht nicht um uns als Gruppe, sondern um die Spielenden. Sie tragen die Hauptverantwortung. All das haben wir nicht explizit so besprochen. Es hat sich ergeben. Aus dieser Erfahrung wird offensichtlich: Der Ruf danach, dass sich diejenigen, die nichts sagen einfach einbringen sollen, ist schlichtweg zu kurz gegriffen. Genauso ist der Gedanke falsch, zu überlegen, wie man andere dazubringen kann, dass sie sich einbringen. Der wirkliche Partizipationsschritt kommt immer aus einer selbständigen Verantwortungsübernahme, für die eigenen Bedürfnisse heraus. Niemand anderes kann wissen, was gerade in einem vorgeht. Der demokratische Gedanke wäre achtsam zu sein und besser darin zu werden, darüber zu kommunizieren, was einer braucht, um sich wohlzufühlen, die eigene Position bzw. die eigenen Bedürfnisse in einer Situation zu spüren und für sie einzustehen. Partizipationssteine aktiv aus dem Weg räumen. Bedingungen aufbauen, die uns unterstützen aktiv an einem Gruppengeschehen zu partizipieren, bevor es sich in eine Richtung bewegt, die uns unwohl ist. Das alles bedeutet nicht, einander in Ruhe zu lassen, bis sich jemand von alleine äußert. Anna und Jonas haben das eindrucksvoll gezeigt, indem sie den Teilnehmenden direkt Fragen gestellt haben. Offene, respektvolle Fragen, die wirkliches Interesse an der Wahrnehmung oder Meinung der Befragten Person ausdrücken.