Momente des Erwachsenwerdens

  • Die Angst sitzt auf dem Rücken der Veränderung. Rückwärts gewandt fest im Sattel. Ledernde Zügel verbinden die Angst mit dem stürmischen Ross. »Sieh, was du aufgibst!«, spricht die Angst. »Sieh, wie schön ich springen kann!«, erwidert das Ross. »Aber bist du bereit?«, fragt die Angst. »Wenn ich springen kann, dann bin ich bereit.« »So wirst du alles, was du kannst!«, donnert die Angst, »aber du wirst nicht, wer du bist.« »Wer bin ich, wenn nicht der, der ich sein kann?«, fragt das Ross. »Ich weiß, dass du jemand bestimmtes bist« spricht die Angst. »Ich wurde geschaffen, damit du nicht gedankenlos über jeden Stock und Stein springst, der da vor dir liegt. Ich will, dass du mitbekommst, was du tust, und dass du nur über den Stein springst, den du bewältigen willst.« Die Angst fährt fort: »Ein jeder Sprung wird dich verändern. Übe deinen Willen und ich werde dich nicht länger quälen. Wenn dein Herz höherschlägt, weil du weißt, dass der Sprung bedeutungsvoll ist, so werden mir die Zügel entgleiten.«

  • Verloren. Mein Glück gekettet an die Vorstellung, dass es dich gibt. Oder zumindest, nicht allein sein müssen. Ich suche dich, aber oh Schreck, als ich glaube, dich gefunden zu haben, bricht der Albtraum herein. Eifersucht, Selbstzweifel bis zum -hass, höchstes Glücksgefühl in zerbrechlicher Hoffnung, Verlustangst, Panik, Vergleich, Selbststolz. Die Rettung naht und ist doch so fern. Ich muss mir deiner gewiss sein, aber das heißt, ich muss zerstören, was ich tief in meinem Innern will. Ich will die freie gegenwärtige, aber vergängliche Entscheidung füreinander, nicht die zwanghafte Aneinanderkettung zweier verlorener Seelen. Nein, du kannst mich nicht retten, niemand kann das. Die Vorstellung der Rettung ist eine Fiktion, aus der ich erwachen will. Wer bin ich, wenn ich ich selbst bin? Ich weiß es nicht, aber ich will es entdecken. Also suche ich. Ich suche mich selbst radikal, in jedem Kontext, in jeder Begegnung, in jeder Handlung. Ich suche mich gleichwohl ich weiß, dass ich meiner nie gewiss sein kann. Und in diesem Suchen finde ich dich für einen Augenblick. Ich vergesse dich, doch du kommst wieder. Wir verschenken uns und sind glücklich in dem Vertrauen, dass es gut ist. Wer schenken kann, der ist nicht verloren. Er ist bei sich und dadurch beim anderen. Und er ist beim anderen und dadurch bei sich. Wir halten uns, aber sind nicht aneinander gekettet. Wir helfen uns, ohne uns zu retten. Wir schauen uns in die Augen. Vertrauen.

  • Also gut. Lass uns ein Spiel spielen. Nimm an, dass es da draußen jemanden gibt, der dich rettet. Jemand, der dich von der lästigen Aufgabe befreit, selbst zu denken, zu glauben und zu handeln. Nehmen wir an, du kannst an den Punkt gelangen, an dem dein ganzes Leben durchdacht ist. Vielleicht weißt du nicht alles genau, was in der Zukunft passieren wird, aber du wirst wissen, dass es keine großen Veränderungen geben wird. Du wirst wissen, dass es keine Überraschungen mehr gibt, dass du aufhören kannst, über alles nachzudenken, dass du aufhören kannst, dir Sorgen zu machen. Aufhören, dir Sorgen zu machen, ist es nicht das, was du dir so verzweifelt willst? Wie eine kaputte Uhr, die hin und her tickt und endlich zum Stillstand kommt.
    Das Spiel wird genannt: „Das Spiel des Anderen“ oder „Der Wunsch, geliebt zu werden“ Warum geliebt? Weil hinter der Idee, geliebt zu werden, die Idee steht, gerettet zu werden, und hinter der Idee, gerettet zu werden, der Wunsch steht, sich keine Sorgen mehr zu machen, und hinter dem Wunsch, sich keine Sorgen mehr zu machen, steht das Verlangen, sich von der Last des Lebens zu befreien, von der Last, die Verantwortung für das einzige und kostbare Leben zu übernehmen, das nur dir gehört. Das Leben, das nur du leben kannst und das nur du vermissen kannst.
    Das eigene Leben zu verpassen ist beängstigend. Die Zeit vergeht, und niemand außer dir kann diese Aufgabe bewältigen: Dein Leben nicht zu verpassen.
    Was ist so schlimm daran, mein Leben zu verpassen?
    Nichts, du wirst immer noch eine Menge Dinge erleben, die von der Gesellschaft um dich herum zusammengestellt werden. Du kannst nicht vermissen, was nie da war. Sieh es vielmehr als eine Chance, deine Chance, eine geheimnisvolle Schachtel auszupacken. Die geheimnisvolle Schachtel, die du bist. Es liegt ganz bei dir, wie viel, wie schnell und wie tief du gehen willst. Und es geht nicht darum, dass du zu einem Ende kommst. Es gibt kein Ende. Es gibt nur eine unendliche, aber endliche Anzahl von Möglichkeiten, das Geheimnis deines Lebens zu lüften. Spiel das Spiel, das sich dein Leben nennt. Niemand außer dir kann es spielen. Niemand kann dich durch dieses Spiel tragen. Die ängstliche Gesellschaft will dich nicht - oder euphemistisch gesprochen - wird dich nicht dabei unterstützen, dieses Spiel zu spielen. Sie sagt, dass es andere Menschen gibt, dass es Wissen gibt, das produziert wurde, dass es den anderen gibt, den du erst verstehen oder befolgen musst, um in der „wirklichen Welt“ spielen zu können. Eine bescheidene Fiktion. Aber was Fiktion und was Realität ist, hängt von der Sichtweise ab, die man einnimmt, nicht wahr? Hab keine Angst, einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Dein Spiel zu spielen, bedeutet nicht, dass du dich gegen die Gesellschaft und alle anderen oder gegen alles, was aufgebaut wurde, stellst. Es verändert das ganze Bild. Du kannst jetzt die soziale und materielle Umgebung um dich herum als das Spielfeld für dein Spiel sehen, um dich selbst zu entfalten. Du brauchst es, du schätzt es, du dankst den Menschen, die vor dir kamen, um es zu bauen, du schaust offen auf die Menschen, die die gleiche Gegenwart teilen wie du, die wissend - oder unwissend - das gleiche Spiel spielen. Und du vertraust darauf, dass die Menschen, die nach dir kommen, dasselbe tun, dass sie dir deine Art, die Welt zu gestalten, verzeihen, dass sie versuchen, herauszufinden, wer du bist, dass sie dich aber auch ignorieren, wenn sie versuchen, ihren eigenen Weg zu finden.
    Lass uns ein Spiel spielen. Es heißt dein Leben. Niemand außer dir kann es spielen. Niemand kann dir sagen, wie du es spielen sollst. Niemand außer dir kann dich durch dieses Spiel tragen. Nur Du, der du in diesem Moment anwesend bist, kannst die nächsten Schritte herausfinden. Du hast ein Recht darauf, dort zu sein. Das einzige Recht. Okay?
    Aber wie finde ich die nächsten Schritte heraus? Wie finde ich mich selbst?
    Du wirst es wissen, wenn du es bist. Du kennst dich selbst am besten.
    Ich habe also alles in mir, nur nicht für meinen Verstand zugänglich. Und ich finde zu mir selbst, indem ich mich auf die Welt einlasse?
    Das ist es, was wir alle tun. Jeden Tag, jede Woche, jedes Jahr.
    Kannst du meine Hand nehmen?
    Ja, aber ich bin nicht hier, um dich zu retten.
    Ich weiß, aber ich mag die Wärme deiner Haut. Sie erinnert mich daran, dass ich nicht allein bin. Ich spiele allein, aber ich bin nicht allein. Hilf mir, das niemals zu vergessen.

  • Lebensentwürfe, du wirfst dich in die Zukunft hinaus, weißt so viel, machst dir Druck, es gut zu machen, hast Angst einen falschen Schritt zu tun, und so tust du keinen.

    Du sitzt am Rand und je länger du am Rand sitzt, umso schwerer wird der Sprung ins Wasser. Du analysierst das Geschehen, verurteilst, lobst auch mal, du bildest dir nicht ein, es besser zu können, willst nichts Besonderes sein aber in deiner besonders langen Rolle am Rand, die dir erlaubt so viel zu sehen, wirst du immer besser darin und stellst fest, wie gemütlich es doch am Rand ist. Du wirst immer besser darin, deine Rolle am Rand zu rechtfertigen und ekelst dich gleichzeitig vor ihr, weil du spürst, dass du dir etwas verwehrst, was die Menschen im Wasser haben: Erfahrungen, Freude und Schmerz, Lernen, Begegnung, Kontakt.
    Es ist nicht die Freiheit, die dich am Rand pausieren und besinnen lässt, es ist die Angst vor dem Sprung. Aber diese Angst ist längst überwunden, der Rand ist Teil deiner Identität geworden. Du bist dir dessen völlig im Klaren. Du präsentierst ihn stolz vor dir her.

    Zwei Entscheidungen von Identifikation am Rand. Entweder du ziehst dich zurück oder du gehst offensiv damit um und versuchst andere von deinen Argumenten zu überzeugen, in der stillen Hoffnung, jemand würde kommen und dir die Flusen austreiben, sodass auch du den Sprung wagen kannst. Aber oh weh, sobald jemand kommt, der dir einen Weg vorschlägt, schlägst du zurück, denn es gibt kein richtiges Leben im Falschen. Du weißt, du musst den Weg aus dir selbst heraus entwickeln oder er wird sich gar nicht entwickeln. Blinder Aktionismus ist für dich keine Option.
    Aber blinder Aktionismus ist immer auch sinnliche Erfahrung und Lernen. Und so verweigerst du dir ein Recht, das sich alle anderen scheinbar gerade nehmen und das zum Leben dazugehört, wie der Tag zur Nacht. Das Recht, etwas auszuprobieren. Denn dieses Recht, ist das Recht, Erfahrungen zu sammeln, aus denen sich dann etwas Neues ergeben kann. Es ist noch keine Poetin, kein Bundespräsident, keine Köchin aber auch kein freundlicher, chilliger Typ vom Himmel gefallen.
    Und so will ich dir das Recht aussprechen, etwas auszuprobieren.
    Und wenn der Sprung getan und du im Wasser bist, dann wirst du irgendwann merken, dass du zurück an den Rand und die gemachten Erfahrungen in dir nachklingen lassen willst. Sobald du eine neue Erfahrung gemacht hast, freue ich mich, mit dir darüber zu sprechen. Aber bis dahin, finde einen Weg ins Wasser. Lerne, selbst die Kraft für einen Sprung zu entwickeln.
    Ich werde meine Augen aufhalten. Vielleicht können wir einmal gemeinsam von einer Stelle springen. Wir werden sehen. Nicht jede Stelle eignet sich für jeden, um baden zu gehen. Spätestens am Rand treffen wir uns wieder.

  • Ich gebe liebe, so weit und wann ich will. Dies kann mir keiner verbieten.
    Ich spüre hin, wo ist dein Weg?
    Denn, will ich Liebe geben, so muss ich sie auch zu dir schicken wollen,
    an deine Adresse,
    an den Ort, an dem du gerade bist,
    an deinen Weg.

    Hier bin ich. Nimm mich, wie ich bin. Aber wie bin ich? Zwei Wesen, die zusammen schwimmen, und dabei entdecken, wer sie sind. Beide bringen sie schwere Steine und kräftige Blüten mit. Ab und zu kommt es zu Brüchen in der gemeinsamen Realität. Eine Person droht, die andere unter Wasser zu drücken. Ein Ringen, um oben und unten. Ein Blick auf das mitgebrachte Gepäck hilft, wieder in Balance zu kommen.
    Wer bist du? Ich nehme dich, wie du bist. Da bist du!

    Unsere Blicke fangen sich. Ein kurzes Hallo, indem doch so viel Interesse mitschwingt. Tage später sehen wir uns zufällig wieder, dann irgendwann absichtlich, beginnen uns in unseren Rhythmen zu verstehen, einen gemeinsamen Rhythmus zu finden und darauf unsere Melodie zu spielen.

    Du ziehst weg. Ein kurzes Gespräch, indem doch so viel Trauer mitschwingt. Unser Rhythmus wird sich verändern, die Melodie vielleicht beinahe verstummen. Ein letzter Blick. Abschied.

  • Ich sitze still und lausche. In diese Stille kommst du mit deinem Lachen. Strahlend fragst du mich, ob ich mit dir raus gehen will. Klar, wieso nicht. Draußen hast du den Impuls, in den Park zu gehen, dann schubst du mich sanft. Wir fangen an, spielend miteinander zu ringen. Ich habe Spaß. Jetzt willst du mit mir auf einen großen Stein klettern. Ich folge dir. Oben angekommen, beginnst du mich zu streicheln, ich erwidere die Zärtlichkeit und so bleiben wir halb sitzend, halb liegend eine Weile dort. Später am Abend im Zimmer beginnst du von deinen Ängsten und Sorgen zu erzählen, die dich gerade bewegen. Ich höre aufmerksam zu und stelle Fragen, bis wir uns erschöpft schlafen legen. Du bedankst dich noch bei mir als mir bereits die Lider zufallen. Halb schlafend höre ich mich noch sagen: »Du brauchst dich nicht zu bedanken, ich werde immer für dich da sein.« Ich fühle mich gut, meine Tage sind aufregend, ich habe alles, was ich mir wünsche…
    In der Nacht begegnet mir eine dunkle Gestalt. Sie führt mich durch ein großes Haus mit verschiedenen Zimmern. Ich kann nicht klar erkennen, was sich in ihnen befindet. Hier höre ich Kinderstimmen, dort eine Rede, die aus einem Parlament oder Gerichtsgebäude kommen könnte. Ich habe den Eindruck, dass mir aus dem einen Zimmer heftiger Wind gemischt mit etwas Schnee entgegenweht und erkenne durch den Spalt eine Felswand. Eine Gestalt scheint sich an ihr hochzuziehen. Der Gipfel bleibt verborgen und doch hat er eine anziehende Wirkung auf mich. Ich bin versucht, durch die Tür zu gehen. Mich packt die Lust, den Gipfel zu erklimmen, doch die dunkle Gestalt zieht mich weiter. Sie lässt mir keine Zeit, um stehenzubleiben. Wir kommen in einen großen Raum. Plötzlich steht dieser Mann aus dem einen Film vor mir. Er streckt mir eine Hand entgegen, auf der zwei Pillen liegen. Eindringlich fragt er mich, welche ich nehmen will. Mein Herz fängt an zu schlagen, ich habe Angst dich aufzuwecken. Panik steigt in mir auf, ich spüre den fordernden Blick des Mannes auf mir und merke, dass ich mich nicht entscheiden kann. Mit jeder Sekunde, die verstreicht, fühle ich den Druck ansteigen, eine Wahl treffen zu müssen. Gleichzeitig erhitzt das Gefühl, mich nicht entscheiden zu können, meinen Körper ins Unerträgliche. Als hätte die dunkle Gestalt meine Angst, dass sie meine Aufregung entdecken könnte, bemerkt, dreht sie sich plötzlich zu mir um und fragt mit ernsthafter Stimme und einem Blick, der mir einen Anschein von Enttäuschung in sich zu tragen scheint: »Was willst du eigentlich?« Ein Stich durchfährt mich und ich wache auf, ohne mich zu rühren.

  • Ihr Kennenlernen war kurz und schmerzlos. Erik und Chloé hatten gemeinsame Freunde, sodass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie sich kennenlernen würden. Als sie es taten, war es Abend. Ihre gemeinsamen Freunde hatten sich zum Kino verabredet und sie beide eingeladen. Es war Award-Season und ihre Freunde hatten ausnahmsweise einen guten Film ausgesucht, sodass sie beide sofort dabei waren. Erik und Chloé liebten Filme. Als könnten sie das aneinander riechen waren sie schon auf dem Weg vom Bahnhof zum Kino im Gespräch über Tarkovsky und Agnes Varda und versuchten die zentralen gesellschaftlichen Entwicklungen der nördlichen Hemisphäre anhand der 35mm Filmrollen dieser beiden Genies nachzuzeichnen. Es muss nicht erwähnt werden, dass sie anschließend in der Bar, nachdem sie den neuen Film von Yorgos Lanthimos zerpflückt hatten, zurück zu den wirklich wichtigen Fragen der Filmgeschichte kamen und für sie der Abend nicht lang genug hätte gehen können. Das war der Vorteil, wenn man mit mehr als sechs Menschen unterwegs war. Zwei konnten sich Kennenlernen und in der Gruppe mitschwimmen, ohne dass sich die Gruppe daran störte. Als sie sich verabschiedeten zogen Chloé und Erik gleichzeitig das Handy. Er würde sie anrufen. „Nicht, wenn ich dich zuerst erwische“ lachte sie. Der Abend war einer dieser Momente wie aus einem Guss.
    Sie arbeitete als Softwareengineurin, er arbeitete in einem Café und in einem Verein der Obdachlosenhilfe und mit seinem zweiten Ehrenamt organisierte er lokale, kulturelle Veranstaltungen. Chloé konnte sich die meiste Zeit aussuchen, wo sie arbeitete. Bald sahen sie sich beinahe täglich. In gemeinsamen Pausen spielten sie Kartenspiele, schnelle Kartenspiele und wurden manchmal etwas laut und lachten nur umso lauter, wenn die anderen im Café sich zu ihnen umdrehten. Es dauerte nicht lange, da machte es Klick in Eriks Kopf. Auch Chloé erahnte eine Lust, weiterzugehen, aber bei Erik war es anders. Wenn sie einmal nicht zu ihm ins Café kam, konnte er kaum an etwas anderes denken. Zu seinem Wunsch, sie zu sehen, mischte sich die Sorge, dass ihr etwas zugestoßen sein könnte oder dass sich ihre Gefühle zu ihm verändert hätten. Erik schaffte es gut, diese Seite vor ihr geheim zu halten. Doch auch ihre Begegnungen hatten an Lockerheit verloren.
    Es ist schon spät im Herbst. Chloé sitzt mit Jo, ihrer besten Freundin, in der Küche, dampfenden Tee in ihrer Mitte. Chloé starrt etwas gedankenverloren in die dunkle, von hellen Schwaden überzogene Flüssigkeit. Jo bemerkt es sofort. „Was ist los?“ Chloé braucht einen Moment. „Ich kann mich irgendwie nicht richtig bei ihm fallen lassen. Oder Nein, ich kann nichts anderes. Er will nur, dass ich mich bei ihm fallen lasse.“ Eine Träne kämpft sich hinter ihrem Auge hervor. „Er ist so weich und irgendwie macht es das so hart zwischen uns. Ich vermisse die Reibung, das Spiel mit dem Ungewissen – uns mal aus den Augen verlieren, wieder zueinander kämpfen. Er scheint keine Distanz auszuhalten.“ „Und hältst du Distanz aus?“ „Ich denke schon, aber ich will ihn auch nicht verletzen.“ „Wie soll ich ihm sagen, dass er mehr Distanz aushalten soll, dass ich mir mehr Reibung mit ihm wünsche?“ Jo lächelt gequält. „Er ist so schnell rausgerückt mit all seiner Hingabe. Macht man das so? Wieso denkt er, dass ich die eine bin? Ich glaube fast, ihm fehlt ein gesundes Misstrauen in mich, so viel Vertrauen habe ich nicht verdient.“ „Drei Monate kennt ihr euch?“ Chloé nickte. Schmerz stieg in ihr auf und wischte zu ihrer Erleichterung ein paar lähmende Gedanken weg. „Vielleicht musst du misstrauisch für euch beide sein…“ „Aber ich will doch vertrauen können! Was ist falsch mit mir?“ Jo streichelte ihre Hand. Nach einer Weile sagte sie: „Nichts. Mir wäre es genauso gegangen. Erinnerst du dich an Karl?“ „Ja“ Ihre Miene heiterte sich ungewollt auf. „Karl war auch so schnell bereit, unsere Welt über alles zu stellen.“ „Er war süß, aber nie so ganz bei dir hatte ich das Gefühl.“ „Zu mir zu kommen, ist gefährlich“ fauchte Jo. „Männer scheinen zu denken, dass sie, weil sie äußerlich in einer patriarchalen Welt nichts zu befürchten haben, nicht groß misstrauisch sein müssten, wenn sie jemanden kennenlernen.“
    „Wir wünschen uns alle manchmal eine Welt, in der wir einfach vertrauen können und alles gut ist, aber wenn es nur Vertrauen gibt, dann ist Vertrauen nichts wert!“ Chloé öffnete zögerlich den Mund: „Liebe macht blind, Misstrauen macht wachsam?“ Jo schwieg zustimmend. In Chloé bäumte sich etwas auf, vielleicht eine der vielen Disney-Prinzessinnen, die sie in ihrem Leben schon geschluckt hatte: „Aber nochmal, ich will nicht, dass Misstrauen wie eine gläserne Mauer zwischen uns steht. Ich will vertrauen können!“ „Warum vertraust du ihm dann nicht?“ „Ich…“ Jo ergriff das Wort: „Ich glaube, das hat einen guten Grund. Sich auf eine Beziehung einzulassen, bedeutet gemeinsam laufen zu lernen. Wenn du nicht bereit bist, für einen nächsten Schritt, dann täte er gut daran, auch noch nicht bereit zu sein. Es ist schließlich gut möglich, dass es auch etwas mit ihm zu tun hat. Man kann sich nicht sagen, dass man bereit ist, das hat etwas mit Gefühl und instinktivem Willen zu tun. Wenn man wirklich bereit ist, dann schmücken die Worte nur den Moment aus, aber es bräuchte sie nicht, der Wille, die Energie, das Prickeln, es ist alles schon da.“ Sie nahm einen Schluck vom Tee.
    „Ich musste gerade an euer Kennenlernen denken. Du hast mir mit solchem Strahlen davon erzählt, wie ihr ohne Absprache zeitgleich eure Handys gezuckt habt, um Nummern auszutauschen.“ Ein wärmendes Gefühl flutete Chloés Lungen, dann kam wieder der Schmerz. Dieser Moment schien eine Ewigkeit her zu sein. „Ja, da will ich wieder hin.“ Schluchzte sie und ihre Brust bebte. „Ich glaube du / ich glaube ich sollte ihn fragen, was seine Vorstellung für uns ist. Ich nehme gerade an, dass er möglichst bald, möglichst fest mit mir zusammen sein will, aber vielleicht ist es gar nicht so. Und ich werde ihm klar sagen, was ich gerade will und was nicht.“ „Was wolltest du sagen?“ „Genau das gleiche“ lächelte Jo.

  • Ich sah mich um. Neben mir stand Nils hinter der Kasse und war dabei, sich zum Kühlschrank umzudrehen und der jungen Frau mit den blonden Haaren eine Mate zu holen. Ein Schritt weiter bediente Chin zwei Gäste gleichzeitig. Drei Glühweinbecher am Fass aufgereiht, der Hahn aufgedreht, während er schon mal abkassierte. Der DJ hatte die Musik wieder lauter gedreht, der Raum drohte vor Menschen zu zerplatzen und ich trocknete in aller Ruhe einen Becher nach dem anderen ab, als mein Blick über Gesichter, lachende Münder, Augenringe, farbige Schals, schwarze Lederjacken und vorbei an goldenen Ohrringen und Peircings auf der rechten Seite des Raumes auf die Augen einer etwas kleineren, jungen Frau mit einer karierten, hellgrauen Mütze, die perfekt zu ihrem Kopf passte, traf. Intuitiv teilten wir ein Lächeln, eine warme Berührung, kurz, kaum länger als ein Wechsel von einem Zweieurostück und einem Glühweinbecher und dennoch unvergleichlich eindrücklicher. Ich sah ihre großgewachsene Freundin, die in dem eben geschehendem Bild neben ihr gestanden hatte, zur Tür gehen, dann war auch die junge Frau mit der Mütze verschwunden.
    Hinter der blonden Frau war ein Mann aufgetaut, der seit Jahren immer mal wieder in meiner Peripherie plötzlich vor mir gestanden hatte. Auf einer Schüler:innentagung, in der ersten Stadt meiner Studi-Karriere und dann ausgerechnet in der WG von gut befreundeten Menschen, auf Partys und nicht zuletzt erst vor ein paar Wochen in dieser für mich noch so neuen Stadt. Ich wusste seinen Namen, seinen Spitznamen, wann er sich mal daneben benommen hatte, was er studierte und jetzt sah ich ihn mit einer Freundlichkeit an, die man wohl nur denjenigen entgegenbringt, die man bereits kennt und begrüßen will oder denjenigen, die man kennenlernen und eindrucksvoll begrüßen will. „Patrick“, „Pat“, „wir kennen uns“, „Du hast doch in dieser WG in Freiburg gelebt“… Sätze schossen mir durch den Kopf. Nils war mit der Frau etwas zur Seite gegangen und ich nutzte die Chance, mich an die freie Stelle am Tresen zu stellen, Pats Blick zu suchen und ihn zu mir zu ziehen. Er wollte dreimal Glühwein. Er erkannte mich nicht. Er lächelte kurz, dann redete er mit seiner Begleitung. Hinter ihm warteten eine Handvoll Menschen und obwohl wir eigentlich genug Menschen am Tresen waren, überkam mich ein Stress- und Verantwortungsgefühl, dass immer bei mir einsetzte, wenn ich im direkten Kontakt mit Menschen an einer Kasse bin. Warum zeigte er keine Regung. Sein Blick ging durch mich durch, als wäre ich nur zum Bedienen da. Ich erklärte ihm unser Pfandsystem und biss mir auf die Zunge als ich ihm den letzten Becher überreichte. „Lass es dir schmecken“ Patrick.
    Nach zehn weiteren Minuten interessierte sich plötzlich keiner mehr für unseren Glühwein. Ich nutzte die Gelegenheit, um nach dem Fass zu schauen und mich mit Ronja, unserer Head of Bar, darüber zu streiten, ob wir schon mal Glühwein nachkippen sollten. Sie hatte Angst, dass wir ihn dann nicht mehr vor Schluss verkauft bekommen und war dagegen. Die durstigen Menschen sind wie das Kommen und Gehen der Flut am Meer. Sie würden bestimmt nochmal kommen, dachte ich. Stattdessen kam die junge Frau mit der schicken Mütze auf einmal auf den Tresen zu. Sie schaute nicht auf den Glühwein, die Karte oder den Kühlschrank, sie schaute direkt auf mich und zögerte auch nicht: „Ich wollte dir was sagen, und zwar, dass du voll präsent wirkst hinter der Bar.“ „Danke“ erwidere ich mit dem gleichen Lächeln wie vorhin oder will ich erwidern, doch Chin lenkt mich ab, reißt einen Spruch, dass ich nicht nur präsent, sondern auch noch zu haben sei, oder so, ich höre ihn nicht richtig. Unser Blick reißt ab, ich frage Chin, was er gesagt hat und als ich meinen Fehler bemerke, ist sie schon am Gehen. Ich hätte ihr gern gesagt, dass ich ihre Mütze mag und sie ihr steht, hätte ihr gern gesagt, wie mutig und inspirierend ich es finde, dass sie einfach so zu mir gekommen ist und mir das gesagt hat, hätte sie gern nach ihrem Namen gefragt.
    Nachdem die Schicht vorbei ist und ich sie draußen mit ein paar Freunden im Kreis redend sehe, gehen mir die ungesagten Worte weiter durch den Kopf, doch ich bin ausgelaugt, muss Luft holen nach vier Stunden voller Handgriffe, Anschreien gegen die Musik und Aufweichen meiner Hände im Spülwasser. Ich sage mir, dass ich nur kurz auf dem Platz spazieren gehe, dass ich auf jeden Fall zurückkommen werde, um mich von Nils und Ronja zu verabschieden. Ich genieße es doch, rede ich mir ein, allein unterm Sternenhimmel, allein mit dieser klaren, kalten Luft zu sein. Schon entferne ich mich von den Menschen, von ihr.
    Der Platz ist eher ein kleines Dorf als ein Platz. Tiny Häuser, bemalte Container, allerlei Möbel, Metallstücke und Regentonnen zieren den Saum der Pflastersteine. Sogar eine kleine Kapelle taucht vor mir auf. Die Tür lässt sich öffnen. Drinnen brennen noch ein paar Kerzen und beleuchten unter anderem ein altes Klavier. Ich hebe die Klappe des Instruments und entlade meine Gedanken, Emotionen und Eindrücke. Es muss bestimmt eine halbe Stunde vergangen sein, da zerrinnt die Freude am Musizieren, auch Nils und Ronja könnten bald weg sein. Ich will mich noch von ihnen verabschieden. Behutsam schließe ich die Tür und gehe zügigen Schrittes zurück zu den Menschen. Sie ist weg. Es kommt mir fast entgegen. Ich hätte nicht gewusst, wie ich sie hätte ansprechen sollen, wenn sie immer noch mit ihren Freunden im Kreis gestanden und geredet hätte. In der Bar fand ich Ronja und strahlte sie an. Sie und ihre Freunde waren die letzten in der Bar. Ronja, die ihre Verantwortung fühlt und ich, der nicht anders kann, räumen noch etwas auf, dann verabschieden wir uns.

    Auf dem Fahrrad auf dem Nachhauseweg geht mir durch den Kopf, dass ich sie hoffentlich noch einmal wiedersehe, dass sie jemand spannendes sein könnte, dass sie mich neugierig gemacht hat, gefolgt von den unromantischen Kommentaren meines Verstandes, warum ich denn auch nur eine Sekunde an einen Menschen verschwende, den ich für zehn Sekunden kenne. So kämpfen eine unverhältnismäßige Verliebtheit und ein zu verhältnismäßiger Verstand während meine Beine mich durch die Kälte tragen. Es liegt nicht in meiner Hand, aber wenn die Chance käme, würde ich ihr sagen, dass sie mich beeindruckt hat, oder würde ich gerade nicht das sagen können, was ich will, weil ich nicht weiß, was ich will, weil zu viele Gedanken, weil zu viel Hoffnung, weil zu viel Erinnerung an andere Male der plötzlichen Hingezogenheit zu schönen, selbstbewussten Frauen meine Stimme überlagern würden?

    Am nächsten Mittag besuche ich in einem Kulturzentrum mit El, einer guten Freundin, einen Markt mit allerlei kreativen Menschen und ihren Sachen. Nachdem wir schon unsere Jacken an der Garderobe wieder angezogen haben, fällt El ein, dass sie noch ein Stück von der Bar mit selbstgemachten Kuchen hinten bei der Werkstatt haben will. Ich schließe mich an. Die nette Frau, die uns den Kuchen verkauft, ärgert sich, weil ihr das Kuchenstück immer, wenn sie uns bedient, fast auf die Seite fällt. Zufrieden drängen wir uns wieder zur Tür, da kommt mir eine großgewachsene irgendwie bekannt vorkommende Person entgegen. War sie nicht gestern in der Bar gewesen und … mit ihr gegangen. Direkt hinter ihr taucht sie auf, mit einer anderen nicht minder schicken und zu ihr passenden Mütze. In dicker Winterjacke, mit Kuchenstück, Rucksack in diesem engen Gang fühle ich mich in diesem Moment so unbeweglich wie mein Mund. Wir sind nur noch wenige Handbreit voneinander entfernt, da hellt sich ihr Gesicht auf, aber auch ihr Mund scheint nichts sagen zu wollen. Ich erwähne ihre andere Mütze, sie nickt bloß, schon treibt es uns weiter in entgegengesetzte Richtungen. Ich schaue sie an, falls ich ihr je nach der gestrigen Begegnung noch etwas sagen wollte, niemand hätte es in dem Moment bemerkt. Ich bin nur zu der Hoffnung in der Lage, dass sie nochmal den Mut aufbringt, handelt und ich reagieren kann, muss. Aber nein, ein letzter Blick, dann sind für sie die Verkaufsstände und für mich die Tür zum Ausgang wieder interessanter. Zumindest tun wir so. In mir sind zehn Liter heißer Schweiß ausgebrochen und ich kriege nicht mit, wie El, mich fünfzig Meter weiter auf eine Bank mitzieht, um ihren Kuchen zu essen.
    Sie fängt an, zu reden, aber mir fällt es schwer ihr zuzuhören. Es sind nur ein paar Dutzend Meter und eine Tür doch nachwievor fühle ich mich unbeweglich, weiß nicht, was ich eigentlich will oder habe Angst davor, auch so rüberzukommen oder so rüberzukommen, als ob ich unangemessen viel will. Sie fragt mich, ob alles gut sei. Ich nicke vehement und sage etwas über den Künstlermarkt, dass er nett gewesen sei, ich mir aber mehr erhofft hatte. Trauer steigt in mir auf. Wenig später setzen wir uns in Bewegung und die Werkstatt, der Moment an der Bar und dieser Mensch, der für ein paar Stunden hervorgestochen ist, in der Menge von Menschen dieser Welt, bleiben zurück.

  • (Sexueller Kontakt, Grenzüberschreitung)

    Ich liege auf dem Rücken. Er beginnt seine Hand unter meinen Hosenbund zu schieben. Für einen Moment weiß ich nicht, ob es mich anturnt oder schockiert. Ich erstarre in Gedanken, während er weiter vordringt durch den Dschungel meiner Schamhaare. Sein Zeigefinger findet sein Ziel. Mein Bauch krampft. Er ist in mir drinnen und ich kann nichts machen. Nachvorneschielend erkenne ich nur seinen Hinterkopf und seine braunen, wuschigen Haare, die über meiner Brust schweben. Ich stelle mir vor, wie ich seine Haare packe und seinen Kopf mit einem Ruck nach hinten schleudere, wie ich ihn anschreie, was ihm einfällt, einfach so in mich einzudringen, wo wir uns gerade noch zärtlich gestreichelt hatten, wie ich ihn aus meinem Zimmer werfe, weil er mich nur verständnislos angucken würde. Er stimuliert meine Klitoris. In mir beginnt ein Hengst zu schnauben. Unfreiwillige Erregung vermischt sich ununterscheidbar mit Wut. Die Sarah, die neben mir liegt, greift über die Sarah, die immer noch wie ein Brett da liegt, in seine Hose und umschließt sein Glied mit aller Kraft. Sie beginnt seine Vorhaut gewaltsam hin- und herzurubbeln. Er würde binnen Sekunden kommen und ich würde seinen steifen Penis auf sein Gesicht richten. Meine Vorstellung zerplatzt. Er ist mit beiden Händen zu ihrem Unterleib gewandert und zieht nun an ihrer Kordhose. Urplötzlich greife ich nach meinem Hosenbund und halte ihn fest. Er stockt. Unsere Blicke treffen sich. „Was ist los?“ „Mir geht’s nicht gut.“ „Hast du deine Tage? Ist heute irgendwas passiert?“ „Ich… Nein, Nein, ich weiß nicht“ höre ich sie leise sagen. Ihr Blick geht an ihm vorbei oder durch ihn durch. In ihr steigen Tränen auf. Ihr Ausdruck wird kalt, als wollte sie die Tränen erfrieren bevor sie mich verraten können. Der Hengst scharrt leise mit den Hufen. In mir… ich merke, ich muss… „Kannst du mir ein Glas Wasser holen?“ „Hier, du kannst was aus meiner Flasche haben“ Blitzschnell hat er seine Trinkflasche in der Hand, die neben dem Bett stand. „Nein, ich möchte frisches Wasser.“ Er starrt mich kurz an, dann geht er von mir runter und in die Küche. Der Druck in meiner Brust sinkt um ein halbes Bar ab. Es reicht, um mir meine Hose wieder anzuziehen. Auf dem Boden liegt noch mein warmer roter Wollpullover. Er kommt wieder, als ich ihn gerade über mich streife. Ich versuche an seinem Gesicht zu erraten, ob er enttäuscht ist, aber er reicht mir nur das Wasser. „Hier.“ Ich trinke und trinke es ganz aus. „Vielleicht hattest du einfach Durst“ versucht er zu witzeln. „Nein“. Ich zwinge mich ihn anzuschauen. Eine Ewigkeit vergeht, während er mich fragend anschaut. Immer wieder öffne ich den Mund um einen Spalt, dann kommt es aus mir heraus: „Du hast mich überrumpelt. Ich war nicht bereit.“ Er murmelt ein „Sorry“ und setzt an sich zu erklären „Ich…“ doch ich unterbreche ihn: „Du kannst nicht einfach so, in das Gebiet einer anderen eindringen!“ Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie sich sein Gesicht verfinstert: Ich kann, hast du doch gesehen! und schon beginnt er sich auf mich zu stürzen. Stattdessen höre ich ihn sagen: „Tut mir leid, ich dachte, also zwischen uns war voll die Energie, du hast mich geküsst, da dachte ich, du willst es.“ „Du hast gedacht, weil ich dich geküsst habe, kannst du jetzt mit mir machen, was du willst?“ „Nicht, was ich will.“ „Du bist mit deinen Fingern einfach in mich eingedrungen“ „Dein Körper hat gebebt, als ich unter deine Hose bin, du wolltest es doch!“ Ich gehe nicht darauf ein. Ich bin wütend und endlich auch laut: „Wenn dich jemand zum Tee in seine Wohnung einlädt, denkst du dann auch, dass du einfach in jedes Zimmer und an jeden Schrank gehen kannst? Denkst du das?“ Er schweigt. „Wurdest du so erzogen? Macht man das in deiner Kultur so?“ Sein zartes Gesicht ist von einem Hauch von Traurigkeit gezeichnet. Im warmen Kerzenlicht sieht er so schön aus. Wieder vermischt sich meine Wut mit meiner Erregung. „Ich werde beim nächsten Mal vorsichtiger sein, wenn wir uns berühren. Es war wirklich nicht meine Absicht, dir weh zu tun!“ Ich blinzele ihn langsam und akzeptierend an. In meinem Kopfkino werfe ich mich zurück, schnappe mir seinen Kragen vom T-Shirt und ziehe ihn zu mir heran. Mein warmer Atem würde mir von seinem nahen Gesicht entgegenkommen. Nimm mich! Nimm mich, wo du willst! Ich hasse mich für die Vorstellung.

  • Meine Mutter war in ihrem Zimmer am Schreibtisch. Es ist ein schönes Zimmer mit zwei großen Fenstern gen Süden, aber Bäume vor dem Haus sorgen dafür, dass es am Tag weder zu hell noch zu dunkel ist und nicht zu warm während des Sommers. Im Zimmer stehen eine Menge Holzmöbel und sogar eine Wand ist aus Holz. Sie hatte ein paar Wildblumen von dem Feld in der Nähe unserer Wohnung auf ihren Schreibtisch getan, aber ich habe sie in dem Moment nicht bemerkt. Ich war ein wenig am Zittern und lehnte mich vorsichtig in den Türrahmen. Ich war vierzehn. Ich hörte mich leise sagen: Kann ich mit dir reden? Sie schaute hoch von ihrem Schreibtisch während sie eine dieser langen Pausen machte, die ich nur Erwachsene machen sehe, und antwortete: Was ist los? Sie hielt ihren Blick auf mir, als ob sie wirklich wissen wollte, was ich zu sagen hatte und als ob sie mir wirklich das Gefühl geben wollte, dass sie da war für mich. Es war dennoch ziemlich schwer. Wir leben allein in einer mittelgroßen Wohnung, also musste ich keine Angst haben, dass jemand kommt und uns unterbricht. „Ich… ich wollte mit dir über etwas reden…“
    „Hast du das Gefühl, dass du im Türrahmen stehen bleiben willst, oder sollten wir uns lieber auf den Teppich setzen?“ Ich zögerte, weil es manchmal sehr intensiv sein konnte mit meiner Mutter zu reden. Sie hatte manchmal diesen therapeutartigen Vibe.
    „Ich glaube, ich möchte mich auf den Boden setzen, aber kannst du vielleicht bleiben, wo du bist?“
    „Na klar!“
    Sie folgte mir mit ihrem Kopf, während ich mich setzte. Sie schien sehr ruhig und sicher, als ob sie vorbereitet gewesen wäre auf diesen Moment, obwohl es auch für sie eine außergewöhnliche Situation sein musste. Ich bin noch nie zu einer so späten Uhrzeit zu ihrem Zimmer gekommen.
    Ich saß also auf dem Teppich mit dem angenehm warmroten Muster mit Blumen und komisch geformten Tieren and begann den Linien der komisch geformten Tiere mit dem Zeigefinger zu folgen. „Ich wollte mit dir über meine Sexualität reden.“ Ich hatte es gesagt. Ich schaute hoch und sah sie kurz angespannt werden und dann einen tiefen Atemzug nehmen und dann erschien ein leichtes Lächeln auf ihrem Gesicht. Aber keiner von uns sagte etwas. Ich glaube, sie erwartete, dass ich etwas mehr sage, aber ich konnte nicht.
    „Ich wollte /
    Willst du, dass ich /
    Ja, was wolltest du, dass ich sage?“
    „Willst du, dass ich dir erzähle, wie es für mich war, aufzuwachsen und jemanden zu suchen, mit dem ich über meinen Körper und Erfahrungen und Gefühle reden kann, als ich so alt war wie du?“
    „Ja, das will ich wissen!“
    „Darf ich mich zu dir setzen und willst du auch eine Tasse Tee?“
    Ich nickte und erst in diesem Moment nahm ich den dampfenden Tee auf ihrem Schreibtisch wahr und dann sah ich die Wildblumen.
    „Du hast Wildblumen gepflückt. Die ersten dieses Jahr.“ Ich lächelte.
    „Ich habe sie von hinter Bens Haus. So schön, oder!“
    Sie nahm sie und stellte sie vor uns auf den Boden.
    Es war schön, die Wildblumen anzuschauen, während sie anfing, mir ihre Geschichte zu erzählen.