Bildungsverbesserinnen benutzen häufig den Begriff Bildungschancen, ohne ihn zu Ende zu denken. Der Zutritt zu Bildung, sei es hier in Deutschland oder in irgendeinem Land, ist nur eine notwendige Bedingung von Bildungschancen. Eine ebenso notwendige Bedingung für ein Kind, um seine Bildungschancen zu realisieren, ist, dass es in der Lerngruppe ein Kind ist, das neue Erfahrungen macht, das sich zeigen darf und das Feedback bekommt.
Bildung ist ein kontinuierlicher Erfahrungsprozess. Eine Bildungschance ist deshalb erst dann wirklich gegeben, wenn die Mitmenschen sich entscheiden, dass sie mit ihrer Aufmerksamkeit die Bildung des Kindes unterstützen wollen. Diese Entscheidung kann nicht erzwungen werden. In diesem Sinne gilt auch für Bildung, was Ernst-Wolfgang Böckenförde für die Demokratie formuliert hat: Sie beruht auf Voraussetzungen, die sie selbst nicht garantieren kann. Bildungschancen gleichberechtigt für alle junge Menschen zu realisieren, ist eine Fähigkeit, ohne die alle noch so wichtigen strukturellen Errungenschaften nichts sind.

19 April 2026