Eine Demo

Eine Demo. Zwischen einer recht starken Wolkendecke bricht immer wieder die Sonne durch. Etwa 500 Menschen haben sich vor einem kleinen Podest mit Mikrofonanlage versammelt. Eine Person mit blauem Hemd und einem bestimmten, entschlossenen Blick greift zum Mikrofon: „Das ist meine Stadt und ich werde nicht zulassen, dass diese Himmelsdenker ihr antisemitisches Gedankengut verbreiten. Die Rothemden gehen mit dieser Tagung zu weit.“ Jubel. „Wenn wir denen in unserer Stadt eine Bühne geben, dann überschreitet das eine Linie. Unsere Werte von Solidarität, Wissenschaftlichkeit und Demokratie sind nicht verhandelbar. Die Himmelsdenker verbreiten Aussagen, die nachweislich falsch sind, sie emotionalisieren die Menschen und sie haben rassistische, menschenverachtende Ansichten. Wenn wir sie in unserer Stadt sprechen lassen, dann schadet das dem Ruf unserer Stadt zutiefst.“ Beifall der anwesenden Menschen. Die Person mit blauem Hemd verlässt die Bühne. Kurz darauf steigt eine Person mit gelbem Hemd auf das Podest: „Diese Blauhemden machen genau das, was sie selbst kritisieren: Sie sind die eigentlichen Treiber des Hasses. Ihre Aussagen sind menschenfeindlich und sie können nicht anders als zu emotionalisieren. Wir dürfen ihnen in unserer Stadt keine Bühne mehr geben. Sie sind Treiber der Spaltung. Was wir brauchen, ist Versöhnung.“ Einige der Anwesenden ziehen ihre Jacken aus. Gelbe T-Shirts und Hemden kommen zum Vorschein. Die Konfrontation scheint unvermeidbar. Bevor es dazu kommt, schubst eine Person mit grünem Hemd, die redende zur Seite und ergreift das Wort. „Du machst gerade genau das gleiche mit deiner abschätzigen Betrachtung der Blauhemden. Ich könnte nun weitermachen und auch euch Gelbhemden als wesentlich dumm und gefährlich für unsere Stadt darstellen, aber ich weigere mich das zu tun. Der Kampf geht nie gegen Menschen an sich, sondern gegen bestimmtes Verhalten, das ausgrenzend ist. Seien es Worte oder Taten. Ein Verhalten, das einer Haltung entspricht, nach der bestimmte Menschen abgewertet werden. Wir hören ihnen dann nicht mehr zu, weil wir sowieso nichts Sinnvolles, aus ihrem Mund erwarten, und wir schauen sie nicht mehr an, weil wir ihr Gesicht nicht ertragen können. Dieses Verhalten kann jedem von uns passieren und jedem von uns kann ein sich gegenseitig wertschätzendes Verhalten gelingen. Wenn wir für Perspektivenvielfalt stehen, müssen wir uns dann nicht fragen, wie wir einen Diskursraum schaffen können, der die Vielfalt der Perspektiven in wertschätzender Weise in Erscheinung kommen lässt? Ich bin mir sicher, das auch hinter den drastischen Worten eines Himmelsdenkers etwas steckt, von dem wir lernen können. Als Teil unserer Gesellschaft müssen seine Worte uns z. B. auch Hinweise auf den Zustand unserer Gesellschaft geben können.

Wenn sich Menschen unwohl fühlen, bestimmte andere Menschen in unserer Stadt zu sehen und zu hören, während andere diese sehr wohl sehen und hören wollen, so können wir versuchen eine Lösung dafür zu finden. Es war rücksichtlos von den Rothemden, den Rest der Stadt nicht von ihrem Vorhaben der Tagung zu erzählen und unsere Sicht vorher anzuhören. Wir haben heute ein starkes „Nein“ erlebt. Das war wichtig, denn es war da. Und trotzdem bleibt die Frage, wie wir uns behandeln wollen. Denken und sprechen wir in antagonistischen Begriffen von Freund und Feind, von Bühne geben und Bühne verweigern, oder sehen wir uns als Menschen, an deren Vernunft wir glauben, und deren Perspektive wir verstehen wollen, weder um sie zu verschlucken noch um sie einfach abzuweisen, sondern im Vertrauen, dass wir entsprechend der je eigenen Werte und Perspektive auf sie antworten können? Wenn wir dieses Vertrauen nicht haben, sollte es dann nicht unser Bestreben sein, es wieder aufzubauen, sodass wir uns als gleichwertige Menschen begegnen und unsere Stadt gemeinsam gestalten können?“

Gustav legt die Zeitung weg. „Wie unrealistisch“, ruft sein achtjähriger Sohn, „der wäre doch längst unterbrochen worden.“ „Mag sein. Vielleicht aber auch nicht. Nächste Woche möchte ich mit dir über Wissenschaftlichkeit sprechen. Hast du Lust?“

Jannik Howind, Roskilde 24.10.2022

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Eine Demo

Eine Demo. Zwischen einer recht starken Wolkendecke bricht immer wieder die Sonne durch. Etwa 500 Menschen haben sich vor einem kleinen Podest mit Mikrofonanlage versammelt. Eine Person mit blauem Hemd und einem bestimmten, entschlossenen Blick greift zum Mikrofon: „Das ist meine Stadt und ich werde nicht zulassen, dass diese Himmelsdenker ihr antisemitisches Gedankengut verbreiten. Die Rothemden gehen mit dieser Tagung zu weit.“ Jubel. „Wenn wir denen in unserer Stadt eine Bühne geben, dann überschreitet das eine Linie. Unsere Werte von Solidarität, Wissenschaftlichkeit und Demokratie sind nicht verhandelbar. Die Himmelsdenker verbreiten Aussagen, die nachweislich falsch sind, sie emotionalisieren die Menschen und sie haben rassistische, menschenverachtende Ansichten. Wenn wir sie in unserer Stadt sprechen lassen, dann schadet das dem Ruf unserer Stadt zutiefst.“ Beifall der anwesenden Menschen. Die Person mit blauem Hemd verlässt die Bühne. Kurz darauf steigt eine Person mit gelbem Hemd auf das Podest: „Diese Blauhemden machen genau das, was sie selbst kritisieren: Sie sind die eigentlichen Treiber des Hasses. Ihre Aussagen sind menschenfeindlich und sie können nicht anders als zu emotionalisieren. Wir dürfen ihnen in unserer Stadt keine Bühne mehr geben. Sie sind Treiber der Spaltung. Was wir brauchen, ist Versöhnung.“ Einige der Anwesenden ziehen ihre Jacken aus. Gelbe T-Shirts und Hemden kommen zum Vorschein. Die Konfrontation scheint unvermeidbar. Bevor es dazu kommt, schubst eine Person mit grünem Hemd, die redende zur Seite und ergreift das Wort. „Du machst gerade genau das gleiche mit deiner abschätzigen Betrachtung der Blauhemden. Ich könnte nun weitermachen und auch euch Gelbhemden als wesentlich dumm und gefährlich für unsere Stadt darstellen, aber ich weigere mich das zu tun. Der Kampf geht nie gegen Menschen an sich, sondern gegen bestimmtes Verhalten, das ausgrenzend ist. Seien es Worte oder Taten. Ein Verhalten, das einer Haltung entspricht, nach der bestimmte Menschen abgewertet werden. Wir hören ihnen dann nicht mehr zu, weil wir sowieso nichts Sinnvolles, aus ihrem Mund erwarten, und wir schauen sie nicht mehr an, weil wir ihr Gesicht nicht ertragen können. Dieses Verhalten kann jedem von uns passieren und jedem von uns kann ein sich gegenseitig wertschätzendes Verhalten gelingen. Wenn wir für Perspektivenvielfalt stehen, müssen wir uns dann nicht fragen, wie wir einen Diskursraum schaffen können, der die Vielfalt der Perspektiven in wertschätzender Weise in Erscheinung kommen lässt? Ich bin mir sicher, das auch hinter den drastischen Worten eines Himmelsdenkers etwas steckt, von dem wir lernen können. Als Teil unserer Gesellschaft müssen seine Worte uns z. B. auch Hinweise auf den Zustand unserer Gesellschaft geben können.

Wenn sich Menschen unwohl fühlen, bestimmte andere Menschen in unserer Stadt zu sehen und zu hören, während andere diese sehr wohl sehen und hören wollen, so können wir versuchen eine Lösung dafür zu finden. Es war rücksichtlos von den Rothemden, den Rest der Stadt nicht von ihrem Vorhaben der Tagung zu erzählen und unsere Sicht vorher anzuhören. Wir haben heute ein starkes „Nein“ erlebt. Das war wichtig, denn es war da. Und trotzdem bleibt die Frage, wie wir uns behandeln wollen. Denken und sprechen wir in antagonistischen Begriffen von Freund und Feind, von Bühne geben und Bühne verweigern, oder sehen wir uns als Menschen, an deren Vernunft wir glauben, und deren Perspektive wir verstehen wollen, weder um sie zu verschlucken noch um sie einfach abzuweisen, sondern im Vertrauen, dass wir entsprechend der je eigenen Werte und Perspektive auf sie antworten können? Wenn wir dieses Vertrauen nicht haben, sollte es dann nicht unser Bestreben sein, es wieder aufzubauen, sodass wir uns als gleichwertige Menschen begegnen und unsere Stadt gemeinsam gestalten können?“

Gustav legt die Zeitung weg. „Wie unrealistisch“, ruft sein achtjähriger Sohn, „der wäre doch längst unterbrochen worden.“ „Mag sein. Vielleicht aber auch nicht. Nächste Woche möchte ich mit dir über Wissenschaftlichkeit sprechen. Hast du Lust?“

Jannik Howind, Roskilde 24.10.2022

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Über Jannik Howind

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Bisher hat Jannik Howind, 274 Blog Beiträge geschrieben.

Eine Demo

Eine Demo. Zwischen einer recht starken Wolkendecke bricht immer wieder die Sonne durch. Etwa 500 Menschen haben sich vor einem kleinen Podest mit Mikrofonanlage versammelt. Eine Person mit blauem Hemd und einem bestimmten, entschlossenen Blick greift zum Mikrofon: „Das ist meine Stadt und ich werde nicht zulassen, dass diese Himmelsdenker ihr antisemitisches Gedankengut verbreiten. Die Rothemden gehen mit dieser Tagung zu weit.“

Eine Demo2026-01-20T20:19:01+01:00

Dir gerecht werden

Ich werde dir nicht gerecht. Ein Gefühl von Rückzug, Angst vor Bewertung, vor Offenbarung meiner Unzulänglichkeiten. Ja, mir fallen bestimmte Dinge nicht leicht. Ich brauche dann länger, fühle mich unsicher in meinen Urteil, habe oft gar keins.

Dir gerecht werden2026-01-20T20:19:02+01:00

In einem schwarzen Diamant

Ein großer Raum. Breiter als tief. Tischreihen. Kein Versteck. Augen auf Rücken. Isolation. Junge Menschen. Vor ihnen: Laptops, Bücher, Notizblöcke, Thermoskannen, Wasserflaschen, Kaffeebecher. Eine Bibliothek wie eine Prüfungsakademie.

In einem schwarzen Diamant2026-01-20T20:19:02+01:00

Muss ich eine Erfahrung gemacht haben?

Es ist die Gesellschaft, die sagt, dass ich einmal im Leben die Erfahrung gemacht haben muss, mit einem Menschen als Partner zusammenzuleben und mindestens ein Kind zu bekommen. Aber was ist hier die Gesellschaft?

Muss ich eine Erfahrung gemacht haben?2026-01-20T20:19:02+01:00

Aftersun

„Aftersun“, das Debut der schottischen Filmschaffenden Charlotte Wells, strotzt nur so vor Kreativität, Mut und Feinfühligkeit.

Aftersun2026-01-21T15:04:01+01:00

Wo kommt die Energie her?

Simone Weil schreibt in ihrem Buch “Gravity and Grace”: „The question is not ‘What is the aim?’ It is ’What is the origin?”

Wo kommt die Energie her?2026-01-20T20:19:02+01:00

The Menu

Wie sein ein Monat früher geborener Zwilling „Triangle of Sadness“ reflektiert „The Menu“ auf bissige Art und Weise Machthierarchien bis sich mir beinahe der Magen umdreht. Diese Bewegung der Umkehrung ist bei beiden Filmen der Kern und doch offensichtlich nicht die Botschaft.

The Menu2026-01-21T15:06:27+01:00

Marta and the Brazilian School

A short story created in an attempt to convey academic knowledge in a compact, accessible and comprehensible way. It was deemed inappropiate in an oral exam with the topic of power hierarchies in the student-teacher relationship... “The very act of storytelling, an act that presumes in its interlocutor an equality of intelligence rather than an inequality of knowledge, posits equality, just as the act of explication posits inequality.” Kirstin Ross in the Introduction to the english version of Rancière's book "The ignorant schoolmaster".

Marta and the Brazilian School2026-01-20T20:19:02+01:00

The Banshees of Inisherin

Wie kann ein Film, der vor hundert Jahren auf einer kleinen irischen Insel spielt, fesselnder und kurzweiliger sein, als das audio-visuelle Spektakel Avatar 2? Vielleicht, weil es spannender ist, die Entwicklung eines fundamentalen Konflikts in der Beziehung von zwei Freunden mitzubekommen, die Jahr ein Jahr aus täglich in denselben Pub gingen um einen zu trinken, als eine langgestreckte Zeit auf Pandora zu verbringen.

The Banshees of Inisherin2026-01-21T15:09:21+01:00
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