Emmas und Charlies Kennenlernen war wie aus einem Hollywoodfilm. Er sieht sie im Café, erhascht einen Blick auf ihr Buch und versucht sie daraufhin anzusprechen. Weil sie nicht auf ihn reagiert, gerät Charlie in Panik und fühlt sich beobachtet von den anderen Cafégästen als er sich auf seinen Platz zurückzieht. Vor dem Verlassen des Cafés fasst er den Mut, sich bei Emma zu entschuldigen. Sie nimmt den In-Ear Kopfhörer aus ihrem linken Ohr, blickt in fragend an und erklärt, dass sie auf dem rechten Ohr taub ist. Auf Charlies Überforderung in diesem Moment reagiert Emma mit dem Angebot, nochmal von vorne anzufangen. Er geht also zurück an seinen Platz, packt seine Sachen aus und Schnitt. Es war eine Rückblende, weil Charlie gerade seinem besten Freund und Trauzeugen Mike davon erzählt, während er an seiner Hochzeitsrede schreibt. Die inszenatorischen Mittel, die der Regisseur und Drehbuchautor Kristoffer Borgli in diesen wenigen Minuten verwendet, deuten bereits eine tiefe Verbundenheit mit seinen Charakteren an. Das dumpfe Dröhnen, wenn wir Emmas Perspektive einnehmen, oder der verengte Ausschnitt auf die anderen Café-Gäste, wenn Charlie sich von ihnen beobachtet fühlt. Zudem fängt der Film mit Humor und dem Thema der Verzeihung in Form einer zweiten Chance an. Wo liegt da das Drama? Das Drama entsteht, weil Emma und Charlie mit ihren Trauzeugenden, dem befreundeten Paar, Rachel und Mike, drei Tage vor der Hochzeit zu Abend essen. Gegen Ende kommt die Frage auf: Was war das Schlimmste, was du jemals im Leben getan hast? Als Emma ihre Sache erzählt, sind alle so bestürzt und aufgebracht, dass Charlie unsicher wird, ob er die Hochzeit noch durchführen will. Unter hohem Zeitdruck entfaltet sich im wahrsten Sinne des Wortes ein psychologisches Drama anhand der Frage, ob er ihr vergeben und kann oder ob diese Informationen sein ganzes Bild von Emma verändert. Die konkrete moralische Frage, die der Film zur Debatte stellt, wird in verschiedenen Kulturen sicherlich unterschiedlich bewertet. Im amerikanischen Kontext ist sie nachvollziehbar. Ebenso die unterschiedlichen psychologischen Steine, die das Geständnis von Emma bei allen Beteiligten ins Rollen bringt. Die Inszenierung ist unglaublich nah an den Entwicklungen innerhalb der Psyche der Charaktere als auch an den Entwicklungen zwischen Ihnen. Der Schnitt ist so perfekt, dass für die Szenen, die bloß im Kopf spielen oder nacherzählt werden, kein technischer Hinweis benötigt wird, damit die Zuschauenden den Perspektivenwechsel mitgehen können. The Drama ist hochpsychologisch und mit Soundtrack, Bildsprache und Schnitt an der Grenze zum modernen Horror eines Midsommar oder Heredetary inszeniert. Das ist sicher kein Zufall, ist doch der Regisseur dieser beiden gelobten Horrorfilme Ari Aster in The Drama als Produzent tätig gewesen. Kristoffer Borgli hält jedoch die Balance eines letztlich „nur“ dramatischen Films durch ein versöhnendes erzählerisches Element und wohlplatziertem Humor. Dennoch sollte aufgrund der psychologischen Themen und der intensiven Inszenierung eine Warnung ausgesprochen werden. Wer selbst aktuell vulnerable psychische Zustände erlebt oder erlebt hat, könnte Schwierigkeiten bekommen, sich von dem gesehenen abzugrenzen. Das liegt auch daran, dass Kristoffer Borgli seine Hausaufgaben in Psychologie gemacht hat. Man merkt, wie sicher Borgli im Verständnis der bewussten und unterbewussten Psyche seiner Charaktere ist. Diese komplexen Bewegungen im eigenen Kopf oder im auf einmal unsicheren Umgang miteinander erfordern das Schauspiel feiner Nuancen in Gesicht und Körper und höchster Aufmerksamkeit aufeinander. Zendaya und Robert Pattinson gelingt dieses Schauspiel fesselnd. Robert Pattinson kann sich jedoch noch mehr entfalten als Zendaya, weil seine Figurenentwicklung noch mehr im Mittelpunkt steht. Ohne zu viel zu verraten, dürfen sich die Zuschauenden auf den ein oder anderen geschickten, erzählerischen Kniff freuen. Borgli verhandelt seine moralischen Positionen zudem nach dem Prinzip „Show don’t tell“. Diese Regel wird normalerweise für die Einführung von Charakteren und der fiktiven Welt verwendet, funktioniert hier aber großartig, weil die Zuschauenden erzählerisch mitgenommen werden und ihnen viel eigener Raum gelassen wird, das Gesehene für sich einzuordnen. Dem Film ist hoch anzurechnen, dass er sich nicht nur für den Weg in das Drama, sondern auch für den Weg aus dem Drama heraus interessiert. Das macht ihn nicht nur für mehr Menschen zugänglich, es gibt ihm auch mehr Tiefe. Beide Wege werden nämlich parallel verhandelt, sodass ein Gefühl für die psychologische und moralische Situation von Emma und Charlie entstehen kann, die einfache, lineare Schuldfragen, ohne zu zucken hinter sich lässt. Der Charakter von Rachel dient hier als Gegenüberstellung von einer differenzierten und einer stark reduzierenden Verarbeitung, herrlich, laut und doppelmoralisch gespielt von Alana Haim. Ein weiteres Element, um die anvisierte Tiefe zu erreichen, ist der geschickte Einsatz der Wiederholung bestimmter zwischenmenschlicher Situationen. Dadurch können die Zuschauenden schwer zu fassenden Themen näherkommen und sie werden eingeladen, eigene bereits gefasste Urteile wieder zu überdenken. Dieses Element der Wiederholung macht den Zuschauenden zugleich Spaß, weil es den Film strukturiert und auch die Beziehung von Emma und Charlie, um die es letztlich geht. Allerdings reichen diese Elemente im ersten und zweiten Drittel teilweise nicht aus. Borgli muss die ganze Spannung der Geschichte aus den Dialogen und dem Schauspiel zwischen Emma und Charlie herausholen. Manchmal passiert hier zu wenig. Im letzten Drittel kommen dann mehr Charaktere dazu, die Geschichte nimmt an Fahrt auf und die ganze Vorbereitung zahlt sich vollends aus. The Drama erkundet die dunklen und die hellen Seiten der menschlichen Psyche mit einem Verständnis für den Einfluss von Mitmenschen, von Zeitdruck und von der Gesellschaft auf diese Seiten. Sicher inszeniert erreicht Kristoffer Borgli Tiefgang und hält zugleich durch Humor den Kontakt zu einer allgemeineren Ebene, die viele Menschen ansprechen kann. Der Soundtrack, die Kamera, der Schnitt und das charakterstarke Schauspiel auch von Alana Haim als Rachel und Mamoudou Athie als Mike machen The Drama zu einem anregenden und aufgrund seiner Thematik tatsächlich zeitlosen Film.
STUDIO A24 DREHBUCH KRISTOFFER BORGLI REGIE KRISTOFFER BORGLI JAHR 2026
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The Drama
The Drama erkundet die dunklen und die hellen Seiten der menschlichen Psyche mit einem Verständnis für den Einfluss von Mitmenschen, von Zeitdruck und von der Gesellschaft auf diese Seiten. Das Drama entsteht, weil Emma und Charlie mit ihren Trauzeugenden, dem befreundeten Paar, Rachel und Mike, drei Tage vor der Hochzeit zu Abend essen. Gegen Ende kommt die Frage auf: Was war das Schlimmste, was du jemals im Leben getan hast?
Enzo
Der 16-Jährige Enzo bricht die Schule ab und beginnt eine Ausbildung zum Maurer. Nach der Arbeit springt er in den Pool des Hauses seiner wohlhabenden Eltern und zieht mit disziplinierten, immer gleichen Bewegungen seine Bahnen. Seine Eltern unterstützen ihn, halten ihre Sorgen und Kritik an Enzos Entscheidung aber nicht zurück. Ihnen wäre lieber, wenn er die Schule beendet und seinem künstlerischen Talent auf einer Privatschule nachgeht. Auf dem Bau lernt er den gutaussehenden Ukrainer Vlad und dessen Kumpel Miroslav kennen. Enzo fühlt sich auf eine jugendlich unerfahrene Weise in der sommerlichen Kulisse der Côte d’Azur zu Vlad hingezogen.
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Josh Safdie hat etwas verstanden, was eigentlich auf der Hand liegt, aber doch viele Geschichtenerzählende zu übersehen scheinen: Der Charakter eines Charakters liegt nicht nur in seinem Charakter, sondern genauso in seiner Umgebung. Klingt paradox? Ist es aber nicht. Ja, Marty Mauser ist ein waschechter Egoist, ja, er hält sich für den besten Tischtennisspieler der Welt und ja, er ist verdammt ungeduldig. Aber die Menschen im New York der 50er sind es auch. Sein Onkel, der Marty ohne Rücksicht zum Geschäftsführer seines Schuhladens machen will. Seine Freundin, Nicht-Freundin, die abgesehen davon, dass sich Marty ihr gegenüber die meiste Zeit wie ein beschissener Freund verhält, auch eine Ungeduld auf Marty überträgt.
Chronicles from the Siege
Die Sprache des Kinos ist eher das Zeigen als das Sprechen. Und es ist ein Statement von Wim Wenders und der Jury der Berlinale, die wegen ihrer Unpolitikalität kritisiert wurden, dass der Goldene Bär und der Preis für den besten Debütfilm an Filme gingen, die die Ungerechtigkeit der Unterdrückung auf so kunstvolle, detaillierte und humanistische Weise zeigen. Während sich „Yellow Letters“ von Ilker Çatak auf die privilegierte Welt konzentriert, zeigt „Chronicles from the Siege“ von Abdallah Al-Khatib die rohe Brutalität des Überlebens in Palästina.
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