• Wir brauchen Geld, weil wir in einer Welt von zweien leben. Eigentlich leben wir allein in der eigenen Welt, aber weil das nur spezielle Überlebenskünstler:innen können, gehen wir auf andere zu und tauschen. Geld ist die Perfektion des Tauschens. Komplexe Gebilde, die nicht viel Zeit haben, brauchen diese versklavende, Ungleichheit schaffende Perfektion. Würden wir in einer Welt von Gruppen leben, dann bräuchten wir Geld nicht. Wir würden nicht tauschen, sondern darauf achten, dass für alle weder zu viel noch zu wenig in der Gruppe ist. Alles, was reingegeben wird, muss rausgenommen werden. Und alles, was benötigt wird, muss reingegeben werden. Die Entscheidung, was man nimmt und gibt, liegt immer beim Einzelnen doch lebt er nun in einer Welt von Gruppen. In dieser Welt trifft er fortan seine Entscheidungen, nicht in seiner eigenen Welt, nicht ganz allein, nicht nur zu zweit, sondern mit der Wahrnehmung von vielen.

  • Schicksal, die vorgeburtliche Berufung. Diese Vorstellung übersieht, dass ich nur solchen Rufen folgen kann, denen ich folgen kann. Was nützt mir die ausgerufene Berufung Musiker zu werden, wenn ich musikalisch völlig unbegabt bin und auch keinen Spaß daran finde. Nicht mit der Macht des Schicksals sondern mit der Macht des eigenen Könnens kommt die eigene Verantwortung. Aber wie entscheidet sich, welches Können ich entwickle? Kurzgesagt entscheiden es der Körper, der Ort und die Zeit, in die ich geboren werde und… Und meine Entscheidungen während meines Aufwachsens. Man bietet mir Gelegenheiten, ich ergreife sie, lehne sie ab oder schaffe mir eigene Gelegenheiten. Meine Entscheidungen… nach welchem Urteil treffe ich sie? Ist es vorgeburtlich in mir angelegt? Bin ich mein eigenes Schicksal?
    Vielleicht ist es eine Notwendigkeit, dass ich versuche mein eigenes Schicksal zu sein. Aber das Leben lacht sich gleichgültig ins Fäustchen, denn man selbst zu sein, ist unmöglich. Dass ich versuche, mein Schicksal zu erfüllen, mag notwendig sein, aber ich könnte es immer auch anders versuchen. Darin liegt meine Freiheit und mein Glück, das mir diese schelmische Welt niemals nehmen kann. Aber darin liegt auch meine Verantwortung, die erst mit dem Tod endet.

  • Manche vergleichen sportlichen Wettbewerb mit Krieg. Das ist ein grober Denkfehler. In jedem Sport lässt sich alles ganz leicht wieder zurücksetzen. Im Leben und im Krieg lassen sich die Folgen unserer Taten nicht rückgängig machen – wir werden von ihnen in die Zukunft getragen wie von einem unaufhaltsamen Zug.
    Die Konsequenz daraus ist, dass wir mit einem Konfliktlösungsversuch zum Scheitern verurteilt sind, wenn wir die Welt des Konflikts als eine Welt von Gewinner und Verlierer wahrnehmen.
    Was ist die Alternative? Die anvisierte Welt der Lösung des Konflikts muss eine Welt für beide sein können.

  • Schauspielhaus Bochum. Premiere eines portugiesischen Stücks. Letzter Akt. Ein Schauspieler spricht den Monolog eines faschistischen Diktators. Es gibt Buhrufe. Zuschauer betreten die Bühne, werden handgreiflich. Seine Schauspielkollegen müssen eingreifen.
    Das Ende des Theaters? Was bringt Theater einer Gesellschaft, wenn es nur das sagt, was das Publikum schon denkt, wenn es nur zeigt, was das Publikum bereits fühlt? Die Kunst verliert ihre gesellschaftliche Wirkung, wenn sie in Gruppen zersplittert. Die Irritation, die Überschreitung, auch die Provokation sind elementare Mittel des Theaters. Was nützt es der Gesellschaft, wenn Privilegierte sich ein Theater der Privilegierten anschauen? Was nützt es der Gesellschaft, wenn Unterdrückte sich ein Theater der Unterdrückten anschauen? Es nützt den Unterdrückten und es ist wichtig, wie ihre regelmäßigen Gruppentreffen. Aber gibt es dann noch einen Unterschied zu diesen Gruppentreffen oder ist es das Ende des Theaters?

  • Wenn ich die Frage nicht über die Lippen bringe, dann bin ich gerade nicht bereit. Wenn du die Antwort nicht über die Lippen bringst, dann bist du gerade nicht bereit. Dieses „Nicht bereit sein“ muss sich zeigen dürfen und verdient vielleicht die wohlwollendste Aufmerksamkeit, denn wer will in einer Welt leben, in der ständig alle für alles bereit sein müssen?

  • Sie hinterlaßen die Erde in einem wehleidigeren Zustand als sie sie vorfanden. Und ich wollte sie anschreien: Mit welchem Recht handelt ihr so, wie ihr handelt?
    Sie sprachen: Die Rechtsprechung ihres Landes erlaubte es Ihnen.
    Ich fragte sie, ob sie immer nur danach handelten, was ihnen erlaubt war?
    Sie erwiderten: Ja.
    Ich war wütend und sagte: Dann seid ihr immer nur ein Spielball des gegenwärtigen Zustands eures Landes.
    Sie erwiderten, dass sie aktiv an den Gesetzen ihres Landes, was zu tun und was zu lassen sei, mitwirkten.
    Ich erwiderte, dies spiele am Ende keine Rolle: Das Recht ist nur dazu da, alle Menschen daran zu erinnern, was sie vernünftigerweise tun wollen, und nur, was sie vernünftigerweise tun wollen, ist von Bedeutung.
    Sie schwiegen, also sagte ich ihnen, dass es nicht vernünftig sei, einen Platz in einem wehleidigeren Zustand zu hinterlassen als man ihn vorfand, wenn man die Wahl hat und man hat die Verantwortung, immer dafür zu kämpfen, die Wahl zu haben.
    Das Recht kann schlecht sein, das Recht kann gut sein, es zählt, was ihr vernünftigerweise wollt, egal ob es mit dem Recht übereinstimmt oder nicht. Aber es ist nicht egal, ob das Recht damit übereinstimmt, was Menschen vernünftigerweise wollen können, oder nicht. Denn das Recht muss versuchen, gut zu sein, wenn es vernünftigerweise gewollt werden will.
    Sie fragten, was ich mit Vernunft meine?
    Ich erwiderte: Das, was vermag Endlichkeit und Ewigkeit zusammenzubringen. Also unsere aktuell beste Chance auf ein gutes Leben für alle auf alle Zeit.
    Darauf sagten sie: Soweit haben wir nicht gedacht.

  • Ich sitze und starre auf die weiße Wand vor mir. Leerer Blick. Gedanken rattern. Gesprächsfetzen fangen meine Aufmerksamkeit für kurze Augenblicke. Ich will, aber ich kann nicht. Was will ich? Anfangen. Eine Arbeit aufnehmen. Wie ein Wurm, der sich aus einer klebrigen Watte in den lockeren, glatten Sand zu winden versucht. Woher kommt dieser Widerstand? Bin ich einfach zu schwach oder liegt er in der Watte um mich herum oder an der Richtung, die ich eingeschlagen habe? Etwas anzufangen, heißt loszulassen. Den kleinen behaglichen Komfort verlassen, in dem ich mich gerade eingenistet habe. Den Gedanken zuzulassen, dass ich, wenn ich angefangen habe, nicht zurückkann in meine Höhle. Schon der kleine Schritt, mir die Aufgabe genauer anzuschauen, wird mich verändern. Sobald ich etwas wirklich wahrnehme, findet Begegnung statt. Informationen werden empfangen und stoßen etwas in mir an. Bei der Aufgabe kann ich plötzlich nicht mehr so tun, als wüsste ich nicht, was sich jemand von mir wünscht, oder ich kann nicht so tun, als fühlte ich nicht, dass die Pflanze auf meinem Fenstersims Wasser braucht, oder dass du gestresst bist und am liebsten einmal in meine Arme fallen willst. Es gibt ein Heilmittel für die Blockaden des Anfangens. Das Gegenteil von Informationsverweigerung. Hinschauen. Wahrnehmen und zulassen, dass etwas passiert. Informationsverweigerung ist ekelhafte Gemütlichkeit. Aber Informationsverweigerung ist auch Schutz. Schutz vor den Fluten der Veränderung, die die zarte Pflanze leicht mitreißen können. Und doch braucht die Pflanze das Wasser der Veränderung, um zu wachsen. Mein Blick wandert von der weißen Wand auf meinen Laptop. Ich schaue hin, lese die Beschreibung der Aufgabe, schreibe mir den Rahmen auf und fange an.

  • Warum absolut denken, wenn wir uns auch zwischen Extremen bewegen können? Freilich bedeutet das, die Unabgeschlossenheit der Welt zu umarmen. Antrieb jeder Bewegung. Bewegung findet ins Offene hinein statt. Aber sie braucht genauso feste Stützen, aus denen sie ausbrechen kann. Bewegung zwischen Extremen setzt voraus, dass wir wagen, die Extreme zu denken. Aber lieber extrem denken und mäßig handeln, als extrem zu handeln und mäßig zu denken.
    Doch wer meint, sein Denken kontrollieren zu können, der wird böse überrascht. So grenzt das mäßige Handeln das extreme Denken ein, indem es sich herausnimmt, es immer wieder zu unterbrechen und in neue Bahnen zu werfen.

  • Geisteswissenschaften sind Prinzipienwissenschaften. Nun interessiert Prinzipien Raum und Zeit, also Empirie nicht. Ein und dasselbe Prinzip kann überall und nirgends auftauchen. Die Zerstückelung der Geisteswissenschaften in Disziplinen ergibt keinen Sinn, wenn sie rein reflexiv und theoretisch praktiziert werden. Nur, wenn sie tatsächlich mit handwerklicher Praxis und dem Erlernen - beispielsweise archäologischer, ökonomischer oder schriftlicher Handgriffe verbunden ist -, ist eine Entscheidung für das Erlernen des Einen und gegen vieles Andere für den Zeitraum, den dieses Lernen braucht, legitim und sinnvoll.
    Die Trennung von Ausbildungen und dem Studium mit immer mehr Disziplinen - man zählt mittlerweile etwa 11.000 Studiengänge, wo es zu Goethes Zeiten noch vier waren -, diese Trennung ergibt schlichtweg in der jetzigen Form keinen Sinn. Sie ist regelrecht gefährlich, weil sie zuerst das Prinzip Teile und Herrsche vermittelt - das ist mein Fachgebiet, das ist deins - und eben nicht die Liebe am Leben und Lernen, die die ursprüngliche geistige Wissenschaft, die Philosophie ja meint. Es ist kein Zufall, dass in einer Welt der Disziplinen, die Philosophie zur sinnbefreitesten, arbeitsunpraktischsten Disziplin verkommen ist. Warum lassen wir die Geisteswissenschaftlerinnen nicht wildern, in allen theoretischen Gebieten, die sie interessieren? Die Prinzipien tun es auch.

  • Das Wichtigste, was ein heranwachsendes Lebewesen lernen muss, ist, den eigenen Körper und die eigene Stimme einzusetzen, um eigene Bedürfnisse zu äußern und um Grenzen zu setzen. Beides ist tatsächlich überlebenswichtig, um die eigene Existenz zu erhalten, sei es, um einer psychischen oder physischen Not von innen, z. B. Durst oder lähmende Gedanken, zu begegnen, sei es, um einem psychischen oder physischen Angriff von außen zu begegnen, z. B. wenn jemand großen Druck macht, dass man mitkommen oder etwas tun soll, was man nicht will, oder tatsächlich handgreiflich wird.
    Eltern, die ihren Kindern jegliche Bedürfnisse von den Lippen ablesen, verhindern im wahrsten Sinne des Wortes, dass sie üben, ihre Stimme einzusetzen. Diese Eltern tun dies vermutlich aus einem starken Wunsch heraus, alles richtig zu machen, oder weil sie als Kind selbst sehr alleingelassen waren mit ihren Bedürfnissen und auf gar keinen Fall, wie ihre Eltern werden wollen. Aus der Theorie heraus kann ich mich für den Pfad einsetzen, bei dem das Kind gesehen und dem Kind der eigene Raum zugestanden wird, sich mit seinen Fähigkeiten aus eigener Kraft zu entfalten. Dabei macht es einen großen Unterschied, ob ein Mensch im Kontakt zu zweit seine Stimme einsetzen kann oder auch im Kontakt mit einer Gruppe. Deshalb ist es sehr wichtig, dass insbesondere Einzelkinder, die immer nur Kontakt zu einem Elternteil haben, in der Schule gute Erfahrungen machen mit dem Einsatz ihrer Stimme in der Gruppe. Damit geht einher, dass das Kind lernt sich wohlzufühlen in der eigenen Haut und sich traut, sich anderen zu zeigen. Der Einsatz des eigenen Körpers und der eigenen Stimme kann zur Selbstverständlichkeit werden, wenn wir ihn mit Heranwachsenden und zugegeben auch mit Erwachsenen üben.