• Man kann nicht von einem Menschen verlangen, zu jedem Ereignis in der Geschichte ein Urteil zu haben. Tagespolitik vergeht oft mit dem Tag. Urteilen aber braucht Zeit. Hingegen ist es wichtig, zu den Ereignissen, die lange wären, und zwar den Regeln, die wir uns setzen oder den informellen Regeln (kulturellen Praktiken), die sich etablieren, ein Urteil zu haben. Will man sie bewahren oder sie verändern? Und warum? Die Kraft für dieses Urteil hängt, so denke ich, immer mit der eigenen Antwort auf die Frage, in welcher Welt will ich leben, zusammen.
    Wer ständig in der Gesellschaft up to date sein will, aber die eigene Antwort auf diese Frage, in welcher Welt will ich leben, nicht mehr parat hat, wird zum Spielball der Geschichte. Der Kräfte der Geschichte, die sich entwickeln, die ihn mitreißen und bei der am Ende immer nur die Frage steht: Auf welcher Seite stehst du?
    Wir dürfen nicht zulassen, dass unser politisches Zusammenleben zu dieser Frage verkommt: Auf welcher Seite stehst du? Auf der Guten oder der Bösen?
    Aber jenseits von Gut und Böse gibt es eine Welt, die die Träume aller Menschen enthält. Diese Träume gilt es, parat zu haben und auf dem Grundsatz der Gleichberechtigung unter der Tätigkeit, die wir Politik nennen, zusammenzubringen. Ein Tag mag wichtig sein, aber Politik muss sich mit Jahren, Jahrzehnten, ja ganzen Leben der Menschen beschäftigen, wenn sie gut sein will.

  • Der überforderte Mensch sieht in jeder Information eine Forderung. Der künstlerische Mensch sieht in jeder Information eine Möglichkeit, die wahrgenommen werden kann, aber nicht muss. Der künstlerische Mensch weiß, dass Realität zu gestalten, Schaffenskraft braucht. Eine Handlungsaufforderung kann nur dort ernstlich gesehen werden, wo auch die Energie für die Handlung geborgen liegt. Man stelle sich eine Welt vor, die nur aus Menschen und Orten und Objekten besteht, die einen anschreien: Verbringe Zeit mit mir, Besuche mich, Spiele mit mir. Rette mich!! Eine Welt der Bedürftigkeit, die die eigene Energie aufzusaugen droht. Der überforderte Mensch ist der Inbegriff dieser Weltbeziehung. Er versucht all den Schreien und Verlockungen nachzukommen. Der künstlerische Mensch hingegen lernt, seine Kraft zu beachten und nach Verbesserung der eigenen Fähigkeiten zum Gestalten mit Welt zu streben in dem Wissen, dass er an kein Ende kommen wird. Aber das überfordert ihn nicht, es gibt ihm Gelassenheit. Er genießt den Prozess.

  • Sich gegenseitig sehen, passiert, wenn die jeweilige verbale und körperliche Sprache aufgegriffen, gespiegelt, in eine Antwort, in eine neue Frage verwandelt wird. Menschen lernen täglich voneinander und durch dieses Lernen voneinander bestätigen sie ihre jeweilige Existenz und Würde. Keiner ist mehr oder weniger wert als der andere. Wie sprichst du? Wie führst du eine Person oder Gruppe? Wie hörst du zu? Wie folgst du einer Person oder Gruppe? Wie interagierst du mit deiner Umwelt? All diese Feinheiten können mich inspirieren, ihr Erlernen wird mich mir selbst näherbringen. Und auf der anderen Seite ist der Mut, zu führen, mich zu zeigen. Ich kann weder wissen oder kontrollieren, dass meine Art und Weise andere inspiriert, was für sie wertvoll ist und was nicht. Aber es wäre ein Skandal, wenn ich das alles verberge, was ich in mir habe. Es wäre insofern ein Skandal, als eine Welt, in der niemand mehr sich mit seiner Weise zu sprechen, zu führen, zu folgen zeigt, eine stillstehende Welt wäre. Nur wie finden wir heraus, wer wann führt und folgt, spricht oder tanzt? Nur gemeinsam und nur, indem wir in Erinnerung halten, was bisher geschah und merken, wenn wir das Interesse verspüren, mal von jemand anderem zu lernen, als den Personen, die immer führen oder reden.

  • Ich will mir des Fortschritts sicher sein und mich seiner am liebsten minütlich versichern, doch wie das beflügelte Schreiten nur durch den Moment des am Boden Haftens, der dem erneuten Abstoß in die Luft vorausgeht, ermöglicht wird, so wird der Fortschritt einer Sache nur durch die Pausen und die Abgrenzung von jener Sache ermöglicht. Die Abgrenzung, aus der heraus wieder ein Fort-Schritt getan werden kann. Ist sie, die Abgrenzung, nicht möglich, so ist man noch im Schritt, macht zu große Bewegungen und gerät aus dem Tritt.

  • Es ist uns Menschen nicht geschenkt, ein endgültiges Urteil über uns zu sprechen. Ich kann niemals sagen, ich werde nie mehr inspiriert sein, etwas zu schreiben, zu singen oder zu malen oder zu lieben. Noch kann ich sagen, du wirst nie etwas Gutes tun. Wer dies (in Verzweiflung) denkt, der wünscht es sich eigentlich. Damit verflucht er sich, ohne es zu bemerken, stellt er den Wunsch doch nicht als persönlichen Wunsch, sondern als objektive Gegebenheit hin. „Ich wünsche mir, niemals mehr inspiriert zu sein.“ Ausgesprochen klingt es absurd. Wer seinen eigenen Glauben als Glauben erkennt, der vermag ihn zu verändern. „Ich wünsche mir, wieder einmal inspiriert zu sein.“ Durch diesen persönlichen Wunsch glaubt er an die objektive Möglichkeit desselben und stärkt sich.