Man kann nicht von einem Menschen verlangen, zu jedem Ereignis in der Geschichte ein Urteil zu haben. Tagespolitik vergeht oft mit dem Tag. Urteilen aber braucht Zeit. Hingegen ist es wichtig, zu den Ereignissen, die lange wären, und zwar den Regeln, die wir uns setzen oder den informellen Regeln (kulturellen Praktiken), die sich etablieren, ein Urteil zu haben. Will man sie bewahren oder sie verändern? Und warum? Die Kraft für dieses Urteil hängt, so denke ich, immer mit der eigenen Antwort auf die Frage, in welcher Welt will ich leben, zusammen.
Wer ständig in der Gesellschaft up to date sein will, aber die eigene Antwort auf diese Frage, in welcher Welt will ich leben, nicht mehr parat hat, wird zum Spielball der Geschichte. Der Kräfte der Geschichte, die sich entwickeln, die ihn mitreißen und bei der am Ende immer nur die Frage steht: Auf welcher Seite stehst du?
Wir dürfen nicht zulassen, dass unser politisches Zusammenleben zu dieser Frage verkommt: Auf welcher Seite stehst du? Auf der Guten oder der Bösen?
Aber jenseits von Gut und Böse gibt es eine Welt, die die Träume aller Menschen enthält. Diese Träume gilt es, parat zu haben und auf dem Grundsatz der Gleichberechtigung unter der Tätigkeit, die wir Politik nennen, zusammenzubringen. Ein Tag mag wichtig sein, aber Politik muss sich mit Jahren, Jahrzehnten, ja ganzen Leben der Menschen beschäftigen, wenn sie gut sein will.