Ihr Kennenlernen war kurz und schmerzlos. Erik und Chloé hatten gemeinsame Freunde, sodass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie sich kennenlernen würden. Als sie es taten, war es Abend. Ihre gemeinsamen Freunde hatten sich zum Kino verabredet und sie beide eingeladen. Es war Award-Season und ihre Freunde hatten ausnahmsweise einen guten Film ausgesucht, sodass sie beide sofort dabei waren. Erik und Chloé liebten Filme. Als könnten sie das aneinander riechen waren sie schon auf dem Weg vom Bahnhof zum Kino im Gespräch über Tarkovsky und Agnes Varda und versuchten die zentralen gesellschaftlichen Entwicklungen der nördlichen Hemisphäre anhand der 35mm Filmrollen dieser beiden Genies nachzuzeichnen. Es muss nicht erwähnt werden, dass sie anschließend in der Bar, nachdem sie den neuen Film von Yorgos Lanthimos zerpflückt hatten, zurück zu den wirklich wichtigen Fragen der Filmgeschichte kamen und für sie der Abend nicht lang genug hätte gehen können. Das war der Vorteil, wenn man mit mehr als sechs Menschen unterwegs war. Zwei konnten sich Kennenlernen und in der Gruppe mitschwimmen, ohne dass sich die Gruppe daran störte. Als sie sich verabschiedeten zogen Chloé und Erik gleichzeitig das Handy. Er würde sie anrufen. „Nicht, wenn ich dich zuerst erwische“ lachte sie. Der Abend war einer dieser Momente wie aus einem Guss.
Sie arbeitete als Softwareengineurin, er arbeitete in einem Café und in einem Verein der Obdachlosenhilfe und mit seinem zweiten Ehrenamt organisierte er lokale, kulturelle Veranstaltungen. Chloé konnte sich die meiste Zeit aussuchen, wo sie arbeitete. Bald sahen sie sich beinahe täglich. In gemeinsamen Pausen spielten sie Kartenspiele, schnelle Kartenspiele und wurden manchmal etwas laut und lachten nur umso lauter, wenn die anderen im Café sich zu ihnen umdrehten. Es dauerte nicht lange, da machte es Klick in Eriks Kopf. Auch Chloé erahnte eine Lust, weiterzugehen, aber bei Erik war es anders. Wenn sie einmal nicht zu ihm ins Café kam, konnte er kaum an etwas anderes denken. Zu seinem Wunsch, sie zu sehen, mischte sich die Sorge, dass ihr etwas zugestoßen sein könnte oder dass sich ihre Gefühle zu ihm verändert hätten. Erik schaffte es gut, diese Seite vor ihr geheim zu halten. Doch auch ihre Begegnungen hatten an Lockerheit verloren.
Es ist schon spät im Herbst. Chloé sitzt mit Jo, ihrer besten Freundin, in der Küche, dampfenden Tee in ihrer Mitte. Chloé starrt etwas gedankenverloren in die dunkle, von hellen Schwaden überzogene Flüssigkeit. Jo bemerkt es sofort. „Was ist los?“ Chloé braucht einen Moment. „Ich kann mich irgendwie nicht richtig bei ihm fallen lassen. Oder Nein, ich kann nichts anderes. Er will nur, dass ich mich bei ihm fallen lasse.“ Eine Träne kämpft sich hinter ihrem Auge hervor. „Er ist so weich und irgendwie macht es das so hart zwischen uns. Ich vermisse die Reibung, das Spiel mit dem Ungewissen – uns mal aus den Augen verlieren, wieder zueinander kämpfen. Er scheint keine Distanz auszuhalten.“ „Und hältst du Distanz aus?“ „Ich denke schon, aber ich will ihn auch nicht verletzen.“ „Wie soll ich ihm sagen, dass er mehr Distanz aushalten soll, dass ich mir mehr Reibung mit ihm wünsche?“ Jo lächelt gequält. „Er ist so schnell rausgerückt mit all seiner Hingabe. Macht man das so? Wieso denkt er, dass ich die eine bin? Ich glaube fast, ihm fehlt ein gesundes Misstrauen in mich, so viel Vertrauen habe ich nicht verdient.“ „Drei Monate kennt ihr euch?“ Chloé nickte. Schmerz stieg in ihr auf und wischte zu ihrer Erleichterung ein paar lähmende Gedanken weg. „Vielleicht musst du misstrauisch für euch beide sein…“ „Aber ich will doch vertrauen können! Was ist falsch mit mir?“ Jo streichelte ihre Hand. Nach einer Weile sagte sie: „Nichts. Mir wäre es genauso gegangen. Erinnerst du dich an Karl?“ „Ja“ Ihre Miene heiterte sich ungewollt auf. „Karl war auch so schnell bereit, unsere Welt über alles zu stellen.“ „Er war süß, aber nie so ganz bei dir hatte ich das Gefühl.“ „Zu mir zu kommen, ist gefährlich“ fauchte Jo. „Männer scheinen zu denken, dass sie, weil sie äußerlich in einer patriarchalen Welt nichts zu befürchten haben, nicht groß misstrauisch sein müssten, wenn sie jemanden kennenlernen.“
„Wir wünschen uns alle manchmal eine Welt, in der wir einfach vertrauen können und alles gut ist, aber wenn es nur Vertrauen gibt, dann ist Vertrauen nichts wert!“ Chloé öffnete zögerlich den Mund: „Liebe macht blind, Misstrauen macht wachsam?“ Jo schwieg zustimmend. In Chloé bäumte sich etwas auf, vielleicht eine der vielen Disney-Prinzessinnen, die sie in ihrem Leben schon geschluckt hatte: „Aber nochmal, ich will nicht, dass Misstrauen wie eine gläserne Mauer zwischen uns steht. Ich will vertrauen können!“ „Warum vertraust du ihm dann nicht?“ „Ich…“ Jo ergriff das Wort: „Ich glaube, das hat einen guten Grund. Sich auf eine Beziehung einzulassen, bedeutet gemeinsam laufen zu lernen. Wenn du nicht bereit bist, für einen nächsten Schritt, dann täte er gut daran, auch noch nicht bereit zu sein. Es ist schließlich gut möglich, dass es auch etwas mit ihm zu tun hat. Man kann sich nicht sagen, dass man bereit ist, das hat etwas mit Gefühl und instinktivem Willen zu tun. Wenn man wirklich bereit ist, dann schmücken die Worte nur den Moment aus, aber es bräuchte sie nicht, der Wille, die Energie, das Prickeln, es ist alles schon da.“ Sie nahm einen Schluck vom Tee.
„Ich musste gerade an euer Kennenlernen denken. Du hast mir mit solchem Strahlen davon erzählt, wie ihr ohne Absprache zeitgleich eure Handys gezuckt habt, um Nummern auszutauschen.“ Ein wärmendes Gefühl flutete Chloés Lungen, dann kam wieder der Schmerz. Dieser Moment schien eine Ewigkeit her zu sein. „Ja, da will ich wieder hin.“ Schluchzte sie und ihre Brust bebte. „Ich glaube du / ich glaube ich sollte ihn fragen, was seine Vorstellung für uns ist. Ich nehme gerade an, dass er möglichst bald, möglichst fest mit mir zusammen sein will, aber vielleicht ist es gar nicht so. Und ich werde ihm klar sagen, was ich gerade will und was nicht.“ „Was wolltest du sagen?“ „Genau das gleiche“ lächelte Jo.

Ihr Kennenlernen war kurz und schmerzlos. Erik und Chloé hatten gemeinsame Freunde, sodass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie sich kennenlernen würden. Als sie es taten, war es Abend. Ihre gemeinsamen Freunde hatten sich zum Kino verabredet und sie beide eingeladen. Es war Award-Season und ihre Freunde hatten ausnahmsweise einen guten Film ausgesucht, sodass sie beide sofort dabei waren. Erik und Chloé liebten Filme. Als könnten sie das aneinander riechen waren sie schon auf dem Weg vom Bahnhof zum Kino im Gespräch über Tarkovsky und Agnes Varda und versuchten die zentralen gesellschaftlichen Entwicklungen der nördlichen Hemisphäre anhand der 35mm Filmrollen dieser beiden Genies nachzuzeichnen. Es muss nicht erwähnt werden, dass sie anschließend in der Bar, nachdem sie den neuen Film von Yorgos Lanthimos zerpflückt hatten, zurück zu den wirklich wichtigen Fragen der Filmgeschichte kamen und für sie der Abend nicht lang genug hätte gehen können. Das war der Vorteil, wenn man mit mehr als sechs Menschen unterwegs war. Zwei konnten sich Kennenlernen und in der Gruppe mitschwimmen, ohne dass sich die Gruppe daran störte. Als sie sich verabschiedeten zogen Chloé und Erik gleichzeitig das Handy. Er würde sie anrufen. „Nicht, wenn ich dich zuerst erwische“ lachte sie. Der Abend war einer dieser Momente wie aus einem Guss.
Sie arbeitete als Softwareengineurin, er arbeitete in einem Café und in einem Verein der Obdachlosenhilfe und mit seinem zweiten Ehrenamt organisierte er lokale, kulturelle Veranstaltungen. Chloé konnte sich die meiste Zeit aussuchen, wo sie arbeitete. Bald sahen sie sich beinahe täglich. In gemeinsamen Pausen spielten sie Kartenspiele, schnelle Kartenspiele und wurden manchmal etwas laut und lachten nur umso lauter, wenn die anderen im Café sich zu ihnen umdrehten. Es dauerte nicht lange, da machte es Klick in Eriks Kopf. Auch Chloé erahnte eine Lust, weiterzugehen, aber bei Erik war es anders. Wenn sie einmal nicht zu ihm ins Café kam, konnte er kaum an etwas anderes denken. Zu seinem Wunsch, sie zu sehen, mischte sich die Sorge, dass ihr etwas zugestoßen sein könnte oder dass sich ihre Gefühle zu ihm verändert hätten. Erik schaffte es gut, diese Seite vor ihr geheim zu halten. Doch auch ihre Begegnungen hatten an Lockerheit verloren.
Es ist schon spät im Herbst. Chloé sitzt mit Jo, ihrer besten Freundin, in der Küche, dampfenden Tee in ihrer Mitte. Chloé starrt etwas gedankenverloren in die dunkle, von hellen Schwaden überzogene Flüssigkeit. Jo bemerkt es sofort. „Was ist los?“ Chloé braucht einen Moment. „Ich kann mich irgendwie nicht richtig bei ihm fallen lassen. Oder Nein, ich kann nichts anderes. Er will nur, dass ich mich bei ihm fallen lasse.“ Eine Träne kämpft sich hinter ihrem Auge hervor. „Er ist so weich und irgendwie macht es das so hart zwischen uns. Ich vermisse die Reibung, das Spiel mit dem Ungewissen – uns mal aus den Augen verlieren, wieder zueinander kämpfen. Er scheint keine Distanz auszuhalten.“ „Und hältst du Distanz aus?“ „Ich denke schon, aber ich will ihn auch nicht verletzen.“ „Wie soll ich ihm sagen, dass er mehr Distanz aushalten soll, dass ich mir mehr Reibung mit ihm wünsche?“ Jo lächelt gequält. „Er ist so schnell rausgerückt mit all seiner Hingabe. Macht man das so? Wieso denkt er, dass ich die eine bin? Ich glaube fast, ihm fehlt ein gesundes Misstrauen in mich, so viel Vertrauen habe ich nicht verdient.“ „Drei Monate kennt ihr euch?“ Chloé nickte. Schmerz stieg in ihr auf und wischte zu ihrer Erleichterung ein paar lähmende Gedanken weg. „Vielleicht musst du misstrauisch für euch beide sein…“ „Aber ich will doch vertrauen können! Was ist falsch mit mir?“ Jo streichelte ihre Hand. Nach einer Weile sagte sie: „Nichts. Mir wäre es genauso gegangen. Erinnerst du dich an Karl?“ „Ja“ Ihre Miene heiterte sich ungewollt auf. „Karl war auch so schnell bereit, unsere Welt über alles zu stellen.“ „Er war süß, aber nie so ganz bei dir hatte ich das Gefühl.“ „Zu mir zu kommen, ist gefährlich“ fauchte Jo. „Männer scheinen zu denken, dass sie, weil sie äußerlich in einer patriarchalen Welt nichts zu befürchten haben, nicht groß misstrauisch sein müssten, wenn sie jemanden kennenlernen.“
„Wir wünschen uns alle manchmal eine Welt, in der wir einfach vertrauen können und alles gut ist, aber wenn es nur Vertrauen gibt, dann ist Vertrauen nichts wert!“ Chloé öffnete zögerlich den Mund: „Liebe macht blind, Misstrauen macht wachsam?“ Jo schwieg zustimmend. In Chloé bäumte sich etwas auf, vielleicht eine der vielen Disney-Prinzessinnen, die sie in ihrem Leben schon geschluckt hatte: „Aber nochmal, ich will nicht, dass Misstrauen wie eine gläserne Mauer zwischen uns steht. Ich will vertrauen können!“ „Warum vertraust du ihm dann nicht?“ „Ich…“ Jo ergriff das Wort: „Ich glaube, das hat einen guten Grund. Sich auf eine Beziehung einzulassen, bedeutet gemeinsam laufen zu lernen. Wenn du nicht bereit bist, für einen nächsten Schritt, dann täte er gut daran, auch noch nicht bereit zu sein. Es ist schließlich gut möglich, dass es auch etwas mit ihm zu tun hat. Man kann sich nicht sagen, dass man bereit ist, das hat etwas mit Gefühl und instinktivem Willen zu tun. Wenn man wirklich bereit ist, dann schmücken die Worte nur den Moment aus, aber es bräuchte sie nicht, der Wille, die Energie, das Prickeln, es ist alles schon da.“ Sie nahm einen Schluck vom Tee.
„Ich musste gerade an euer Kennenlernen denken. Du hast mir mit solchem Strahlen davon erzählt, wie ihr ohne Absprache zeitgleich eure Handys gezuckt habt, um Nummern auszutauschen.“ Ein wärmendes Gefühl flutete Chloés Lungen, dann kam wieder der Schmerz. Dieser Moment schien eine Ewigkeit her zu sein. „Ja, da will ich wieder hin.“ Schluchzte sie und ihre Brust bebte. „Ich glaube du / ich glaube ich sollte ihn fragen, was seine Vorstellung für uns ist. Ich nehme gerade an, dass er möglichst bald, möglichst fest mit mir zusammen sein will, aber vielleicht ist es gar nicht so. Und ich werde ihm klar sagen, was ich gerade will und was nicht.“ „Was wolltest du sagen?“ „Genau das gleiche“ lächelte Jo.