„Licorice Pizza“. Freunden diesen Titel zu erklären, ist gar nicht einfach. Vielleicht wurde er gewählt, weil sich dieser Film wie eine gute Pizza mit vielen, wunderbaren und liebevoll angerichteten Belagen anfühlt, die am Ende dennoch so rund ist, wie eine Pizza eben sein sollte. Rund mit einem fein gezogenen Käserand, der sich erst am Ende trifft. Dieser Rahmen wird in dem Film von Paul Thomas Anderson durch die Liebesgeschichte von Gary und Alana gehalten. Er ist 15 und hält als Kinderdarsteller in einer Show „Under the roofs“ ziemlich viel von sich. Er verliebt sich in Alana, die 10 Jahre älter ist und Kinder bei Fotoshootings begleitet. Wer nach den ersten Szenen denkt, dass alles sehr schnell geht, weil Gary so zielstrebig ist, wie ein naiver, selbstbewusster Teenager eben sein kann, der irrt. Regelmäßig nimmt der Film rasante Wendungen in andere Richtungen. Eine tolle kleine Szene mit grandiosen Nebendarstellerinnen und Darstellern, die teilweise nur wenige Minute zu sehen sind, dann jedoch häufig mit Nahaufnahmen von ihren Gesichtern, dass man ihren Atem fühlen kann, reiht sich an die nächste. Die beiden rennen mal ein Stück miteinander, dann wieder aneinander vorbei. Sie versuchen sich im Leben oder das Leben der frühen 1970er versucht sich an ihnen. Sie fühlen Eifersucht, Freude über eine geglückte Geschäftsidee, oder Wut. Sie kämpfen mit ihrem Umfeld oder wildfremden Menschen, die ihnen respektlos begegnen. Sie sind getrieben von dem Wunsch, erwachsen zu werden. Gary will es Alana zeigen und Alana will es als jüngste Tochter ihrer strengjüdischen Familie zeigen. Alana Haim und Cooper Hoffmann spielen diese Emotionen fantastisch. All die Kurzschlusshandlungen nahm ich ihnen ab, weil immer spürbar bleibt, dass sie sich in die entgegengesetzte Richtung am Rand der Pizza entgegenlaufen. Allen leckeren oder komischen oder feindlichen Belagen zum Trotz. Paul Thomas Anderson fängt die intuitive, junge Liebe zweier Menschen mit einem solchen Können ein, dass ich mich voller Vertrauen zurücklehnen konnte und zugleich schwitzend am Rand saß, weil einfach so viel passiert. Wenn mich also mal jemand fragt, wie Lakritzpizza schmeckt, dann werde ich antworten: So wie dieser Film.

STUDIO u.a. METRO-MAYER-GOLDWIN DREHBUCH PAUL THOMAS ANDERSON REGIE PAUL THOMAS ANDERSON JAHR 2021

Neueste Filmkritiken

Enzo

Der 16-Jährige Enzo bricht die Schule ab und beginnt eine Ausbildung zum Maurer. Nach der Arbeit springt er in den Pool des Hauses seiner wohlhabenden Eltern und zieht mit disziplinierten, immer gleichen Bewegungen seine Bahnen. Seine Eltern unterstützen ihn, halten ihre Sorgen und Kritik an Enzos Entscheidung aber nicht zurück. Ihnen wäre lieber, wenn er die Schule beendet und seinem künstlerischen Talent auf einer Privatschule nachgeht. Auf dem Bau lernt er den gutaussehenden Ukrainer Vlad und dessen Kumpel Miroslav kennen. Enzo fühlt sich auf eine jugendlich unerfahrene Weise in der sommerlichen Kulisse der Côte d’Azur zu Vlad hingezogen.

Marty Supreme

Josh Safdie hat etwas verstanden, was eigentlich auf der Hand liegt, aber doch viele Geschichtenerzählende zu übersehen scheinen: Der Charakter eines Charakters liegt nicht nur in seinem Charakter, sondern genauso in seiner Umgebung. Klingt paradox? Ist es aber nicht. Ja, Marty Mauser ist ein waschechter Egoist, ja, er hält sich für den besten Tischtennisspieler der Welt und ja, er ist verdammt ungeduldig. Aber die Menschen im New York der 50er sind es auch. Sein Onkel, der Marty ohne Rücksicht zum Geschäftsführer seines Schuhladens machen will. Seine Freundin, Nicht-Freundin, die abgesehen davon, dass sich Marty ihr gegenüber die meiste Zeit wie ein beschissener Freund verhält, auch eine Ungeduld auf Marty überträgt.

Chronicles from the Siege

Die Sprache des Kinos ist eher das Zeigen als das Sprechen. Und es ist ein Statement von Wim Wenders und der Jury der Berlinale, die wegen ihrer Unpolitikalität kritisiert wurden, dass der Goldene Bär und der Preis für den besten Debütfilm an Filme gingen, die die Ungerechtigkeit der Unterdrückung auf so kunstvolle, detaillierte und humanistische Weise zeigen. Während sich „Yellow Letters“ von Ilker Çatak auf die privilegierte Welt konzentriert, zeigt „Chronicles from the Siege“ von Abdallah Al-Khatib die rohe Brutalität des Überlebens in Palästina.

Gelbe Briefe

Im neuen Film von Ilker Catak geht es um ein erfolgreiches Künstlerpaar in der Türkei. Aziz schreibt Theaterstücke und ist Professor. Derya ist Schauspielerin am Nationaltheater in Ankara und ist oft die Hauptdarstellerin in seinen Stücken. Den Film „Gelbe Briefe“ zeichnet aus, dass er sich über viele Seiten seinem Thema nähert, über kleine Handlungen, über Dialoge oder mal über deutliche Statements geschickt eingewoben durch die Berufe der beiden Hauptfiguren, Schreiben und Sprechen. So verweigert Derya in der Eingangsszene als erste kleine Handlung einem hohen Staatsmann nach der Premiere eines politischen Theaterstücks das gemeinsame Foto. Das Thema nimmt an Fahrt auf, als die beiden Gelbe Briefe von der Universität und dem Theater bekommen mit der ironischen Nachricht: „Wir akzeptieren ihre Kündigung“.