Demokratie ist ja, wo sich die Eskortdame und der Chef des glamourösesten Restaurants der Welt auf Augenhöhe begegnen.

Wie sein ein Monat früher geborener Zwilling „Triangle of Sadness“ reflektiert „The Menu“ auf bissige Art und Weise Machthierarchien bis sich mir beinahe der Magen umdreht. Diese Bewegung der Umkehrung ist bei beiden Filmen der Kern und doch offensichtlich nicht die Botschaft. Weder eine Anhimmelung des Revolutionärs, noch ein gewaltsamer Widerstand, noch der Status Quo haben Bestand.
Genausowenig wie der hassgetriebene Revolutionär selbst, der jedoch der einzige im Raum ist, der sich dessen bewusst ist. Sie alle können keinen Bestand haben, weil sie eine als essentiell gerechtfertigte Hierarchie verteidigen trotz ihrer eigentlichen Künstlichkeit – der Hierarchie von Stars gegenüber ihren Fans, von Küchenchefs gegenüber ihren Gehilfen, von Kundinnen gegenüber Service-Workern und von Reichen gegenüber nun ja nicht Reichen. Diese Hierarchien sind künstlich, weil sie nur solange funktionieren, wie der andere Mensch mitspielt. Im Grunde sind nämlich alle im gleichen Boot (Triangle of Sadness) oder im gleichen Raum mit gepanzerten Gläsern auf einer abgeschnittenen Insel (The Menu). Die verkrustete Hierarchie ist keine natürliche sondern eine gelernte, die ihre eigene Künstlichkeit vergessen hat. Während es beiden Filmen eindrucksvoll gelingt, zu zeigen, warum eine Umkehrung von Oben und Unten nicht der Ausweg ist, – was sie eher als Kritik der links- oder rechtsgetriebenen „Twitter-Mobs“ outet – ringen sie darum, das Positivbeispiel darzustellen. The Menu ist hier einen ticken besser, weil er den anregenden Gedanken, der das verkrustete Hierachiewirrwarr durchbricht, schnell und schlicht, wie ein Cheeseburger to go, dem Publikum serviert. Menschen begegnen sich in unterschiedlichen Rollen und aus unterschiedlichen Gründen. In der Wirtschaft wie in jedem anderen Lebensgebiet kann diese Begegnung auf gegenseitigem Respekt beruhen und der Anerkennung der Würde von sich und des anderen Menschen.

The Menu ist die Geschichte einer hellwachen wunderbar von Anna-Taylor Joy gespielten Eskortdame und einem verbitterten Meister der Kochkunst – sehr stimmig verkörpert von Ralph Fiennes -, der sein Lachen im Kampf gegen die Ungerechtigkeit einer materialistischen Welt verloren hat.

STUDIO u.a. SEARCHLIGHT PICTURES DREHBUCH SETH REISS, WILL TRACY REGIE MARK MYLOD JAHR 2022

Neueste Filmkritiken

Enzo

Der 16-Jährige Enzo bricht die Schule ab und beginnt eine Ausbildung zum Maurer. Nach der Arbeit springt er in den Pool des Hauses seiner wohlhabenden Eltern und zieht mit disziplinierten, immer gleichen Bewegungen seine Bahnen. Seine Eltern unterstützen ihn, halten ihre Sorgen und Kritik an Enzos Entscheidung aber nicht zurück. Ihnen wäre lieber, wenn er die Schule beendet und seinem künstlerischen Talent auf einer Privatschule nachgeht. Auf dem Bau lernt er den gutaussehenden Ukrainer Vlad und dessen Kumpel Miroslav kennen. Enzo fühlt sich auf eine jugendlich unerfahrene Weise in der sommerlichen Kulisse der Côte d’Azur zu Vlad hingezogen.

Marty Supreme

Josh Safdie hat etwas verstanden, was eigentlich auf der Hand liegt, aber doch viele Geschichtenerzählende zu übersehen scheinen: Der Charakter eines Charakters liegt nicht nur in seinem Charakter, sondern genauso in seiner Umgebung. Klingt paradox? Ist es aber nicht. Ja, Marty Mauser ist ein waschechter Egoist, ja, er hält sich für den besten Tischtennisspieler der Welt und ja, er ist verdammt ungeduldig. Aber die Menschen im New York der 50er sind es auch. Sein Onkel, der Marty ohne Rücksicht zum Geschäftsführer seines Schuhladens machen will. Seine Freundin, Nicht-Freundin, die abgesehen davon, dass sich Marty ihr gegenüber die meiste Zeit wie ein beschissener Freund verhält, auch eine Ungeduld auf Marty überträgt.

Chronicles from the Siege

Die Sprache des Kinos ist eher das Zeigen als das Sprechen. Und es ist ein Statement von Wim Wenders und der Jury der Berlinale, die wegen ihrer Unpolitikalität kritisiert wurden, dass der Goldene Bär und der Preis für den besten Debütfilm an Filme gingen, die die Ungerechtigkeit der Unterdrückung auf so kunstvolle, detaillierte und humanistische Weise zeigen. Während sich „Yellow Letters“ von Ilker Çatak auf die privilegierte Welt konzentriert, zeigt „Chronicles from the Siege“ von Abdallah Al-Khatib die rohe Brutalität des Überlebens in Palästina.

Gelbe Briefe

Im neuen Film von Ilker Catak geht es um ein erfolgreiches Künstlerpaar in der Türkei. Aziz schreibt Theaterstücke und ist Professor. Derya ist Schauspielerin am Nationaltheater in Ankara und ist oft die Hauptdarstellerin in seinen Stücken. Den Film „Gelbe Briefe“ zeichnet aus, dass er sich über viele Seiten seinem Thema nähert, über kleine Handlungen, über Dialoge oder mal über deutliche Statements geschickt eingewoben durch die Berufe der beiden Hauptfiguren, Schreiben und Sprechen. So verweigert Derya in der Eingangsszene als erste kleine Handlung einem hohen Staatsmann nach der Premiere eines politischen Theaterstücks das gemeinsame Foto. Das Thema nimmt an Fahrt auf, als die beiden Gelbe Briefe von der Universität und dem Theater bekommen mit der ironischen Nachricht: „Wir akzeptieren ihre Kündigung“.