„Sorry, Baby“ ist von erfrischender Einfachheit und Authentizität des heutigen Zeitgeistes und zugleich voller Können und Mut. Im Mittelpunkt steht Agnes, die in einer Kleinstadt in Literatur promoviert und bereits wenig später als befristete Professorin arbeitet. Direkt neben ihr steht ihre Mitpromovierende und beste Freundin Lydie. Eva Victor zeigt bereits mit der ersten Aufnahme wie viel Gefühl und Verständnis sie für das Thema ihres Filmes hat. Bestimmt zehn Sekunden sehen wir mit Abstand das einsame Haus von Agnes am Waldrand im Dunkeln mit warmgelbem Licht hinter den Fenstern und bekommen als Zuschauende Zeit, anzukommen und Vertrauen aufzubauen. Dann kommt Lydie vorgefahren, Agnes platzt aus ihrem Haus heraus und Freude überschwemmt die Leinwand.
In kleinen Momenten, mit kurzen Blicken, Berührungen, Worten zwischen den beiden erfahren wir, dass während der Promotion etwas zwischenmenschlich Traumatisierendes in Agnes Vergangenheit passiert sein muss, von dem außer Agnes nur Lydie weiß. Dabei ist Agnes weder klein, weder äußerlich noch in ihrem Auftreten. Agnes ist direkt, emotional aber nicht übertrieben emotional, eigentlich eher warm kalt warm, wie Cameron ein Charakter von Benedict Wells sagen würde. Und sie ist mit ihrer Art, bei der die Grenze zwischen Spielen und etwas Schlimmes Überspielen nie ganz deutlich wird, verdammt lustig. „Sorry, Baby“ hat herzliche Szenen, die mir in Erinnerung bleiben werden, aber auch Schwere. Das Sounddesign aber auch das visuelle Design, ich meine die Schärfe der Kamera oder die Entscheidung für eine bestimmte Einstellung, sind dabei so nah an Agnes Emotionen dran, wie ich es bisher selten erlebt habe. Auch die fantastisch besetzten Nebenfiguren und ihr erzählerischer Beitrag, weben sich stimmig in die Geschichte von Agnes ein. Das durch eine Figur hochgeholte Thema der Konkurrenz im akademischen Betrieb scheint beispielsweise etwas nebensächlich, bis es uns wie ein Blitz trifft. Dennoch stellt sich zwischenzeitlich die Frage, wo der Film eigentlich hinwill. Nicht, dass ich sie mir wirklich gestellt hätte, weil die Dynamik und das Schauspiel von Eva Victor und Naomi Ackie als Agnes und Lydie so unterhaltsam und magnetisierend ist. In Sprüngen zwischen den Jahren des schlimmen Ereignisses und danach wird nicht bloß die Geschichte eines Opfers, sondern die Geschichte eines Menschen erzählt, der sich die Zukunft, die ein anderer ihr raubte, zurückerkämpft. Eva Victor, die gleich ihrer talentierten Agnes auch noch das Drehbuch verfasst hat und ihr filmisches Debüt feiert, schreitet dabei auch dann, wenn es nicht so wirken mag, so trittsicher voran, dass mein Vertrauen mit dem unvorhergesehenem und mehr als berührendem Ende gänzlich erfüllt wurde.

STUDIO u.a. PASTEL DREHBUCH EVA VICTOR REGIE EVA VICTOR JAHR 2025

Neueste Filmkritiken

Enzo

Der 16-Jährige Enzo bricht die Schule ab und beginnt eine Ausbildung zum Maurer. Nach der Arbeit springt er in den Pool des Hauses seiner wohlhabenden Eltern und zieht mit disziplinierten, immer gleichen Bewegungen seine Bahnen. Seine Eltern unterstützen ihn, halten ihre Sorgen und Kritik an Enzos Entscheidung aber nicht zurück. Ihnen wäre lieber, wenn er die Schule beendet und seinem künstlerischen Talent auf einer Privatschule nachgeht. Auf dem Bau lernt er den gutaussehenden Ukrainer Vlad und dessen Kumpel Miroslav kennen. Enzo fühlt sich auf eine jugendlich unerfahrene Weise in der sommerlichen Kulisse der Côte d’Azur zu Vlad hingezogen.

Marty Supreme

Josh Safdie hat etwas verstanden, was eigentlich auf der Hand liegt, aber doch viele Geschichtenerzählende zu übersehen scheinen: Der Charakter eines Charakters liegt nicht nur in seinem Charakter, sondern genauso in seiner Umgebung. Klingt paradox? Ist es aber nicht. Ja, Marty Mauser ist ein waschechter Egoist, ja, er hält sich für den besten Tischtennisspieler der Welt und ja, er ist verdammt ungeduldig. Aber die Menschen im New York der 50er sind es auch. Sein Onkel, der Marty ohne Rücksicht zum Geschäftsführer seines Schuhladens machen will. Seine Freundin, Nicht-Freundin, die abgesehen davon, dass sich Marty ihr gegenüber die meiste Zeit wie ein beschissener Freund verhält, auch eine Ungeduld auf Marty überträgt.

Chronicles from the Siege

Die Sprache des Kinos ist eher das Zeigen als das Sprechen. Und es ist ein Statement von Wim Wenders und der Jury der Berlinale, die wegen ihrer Unpolitikalität kritisiert wurden, dass der Goldene Bär und der Preis für den besten Debütfilm an Filme gingen, die die Ungerechtigkeit der Unterdrückung auf so kunstvolle, detaillierte und humanistische Weise zeigen. Während sich „Yellow Letters“ von Ilker Çatak auf die privilegierte Welt konzentriert, zeigt „Chronicles from the Siege“ von Abdallah Al-Khatib die rohe Brutalität des Überlebens in Palästina.

Gelbe Briefe

Im neuen Film von Ilker Catak geht es um ein erfolgreiches Künstlerpaar in der Türkei. Aziz schreibt Theaterstücke und ist Professor. Derya ist Schauspielerin am Nationaltheater in Ankara und ist oft die Hauptdarstellerin in seinen Stücken. Den Film „Gelbe Briefe“ zeichnet aus, dass er sich über viele Seiten seinem Thema nähert, über kleine Handlungen, über Dialoge oder mal über deutliche Statements geschickt eingewoben durch die Berufe der beiden Hauptfiguren, Schreiben und Sprechen. So verweigert Derya in der Eingangsszene als erste kleine Handlung einem hohen Staatsmann nach der Premiere eines politischen Theaterstücks das gemeinsame Foto. Das Thema nimmt an Fahrt auf, als die beiden Gelbe Briefe von der Universität und dem Theater bekommen mit der ironischen Nachricht: „Wir akzeptieren ihre Kündigung“.