Der 16-Jährige Enzo bricht die Schule ab und beginnt eine Ausbildung zum Maurer. Nach der Arbeit springt er in den Pool des Hauses seiner wohlhabenden Eltern und zieht mit disziplinierten, immer gleichen Bewegungen seine Bahnen. Seine Eltern unterstützen ihn, halten ihre Sorgen und Kritik an Enzos Entscheidung aber nicht zurück. Ihnen wäre lieber, wenn er die Schule beendet und seinem künstlerischen Talent auf einer Privatschule nachgeht. Enzo hat jedoch dem Lernen abgeschworen. Er spricht davon, dass er etwas erschaffen will, das selbst Kriege überdauern kann: Mauern. Auf dem Bau lernt er den gutaussehenden Ukrainer Vlad und dessen Kumpel Miroslav kennen. Beide sehen sich zu Beginn des Films vor die Wahl gestellt, ob sie für die Ukraine im Krieg gegen Russland kämpfen oder in Frankreich bleiben. Enzo fühlt sich auf eine jugendlich unerfahrene Weise in der sommerlichen Kulisse der Côte d’Azur zu Vlad hingezogen.
Diese Ausgangssituation erinnert an „Call Me By Your Name“. Die beiden französischen Autoren des Films Robin Campillo und Laurent Cantet schlagen jedoch eine andere Richtung ein. Enzos gleichzeitige Hingezogenheit zur Rohheit der Tätigkeit des Maurerns und seiner Kollegen wie zur Weichheit des Zeichnens und der Formen des menschlichen Körpers sorgen für eine ganz eigene Stimmung, zu der sich bei der Hauptfigur eine charakterliche Schwere und Eigenheit gesellt, die der charmanten Leichtigkeit eines Elio in „Call Me By Your Name“ eher entgegengesetzt ist. Zudem wird das persönliche Thema des queeren Erwachsenwerdens mit der Thematisierung von Krieg und Schulabbruch gesellschaftlich aufgeladen. Wie schon in ihrem Film „Die Klasse“ über eine sehr diverse Schulklasse in Paris, der 2008 mit der goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, ist Robin Campillo und Laurent Cantet wichtig, Zeitgeschehen einzufangen. Abermals greifen sie in der Besetzung wichtiger Rollen auf unerfahrene Schauspieler zurück. Es sind die ersten Spielfilmrollen von Eloy Pohl und Maksim Slivinsky, die Enzo und Vlad spielen.
Zuweilen wirkt „Enzo“ aufgrund der Verwendung von natürlichem Tages- und Mondlicht sowie ungewöhnlich langen, Tätigkeiten beobachtenden Einstellungen fast intim dokumentarisch. In anderen Szenen kommt Jeanne Lapoirie den Emotionen und Körpern der Schauspielenden so nah, als wolle sie diese mit der Kamera berühren. Die beiden jungen Männer bieten sich gleichsam mit ihren freien Oberkörpern immer wieder an. Trotz ihrer Debüterfahrung schaffen sie es souverän, auch die charakterlichen Entwicklungen ihrer Figuren darzustellen. Vlad lernen wir als extrovertierten Schönling kennen, der zum Geldverdienen sein Land verlässt und eine Frau heiraten würde, ohne ihr Gesicht gesehen zu haben, weil ihm ihr Körper gefällt. Für ihn stellt sich die Frage, ob es ihm gelingt, ein aufrichtiges Interesse an der Existenz seines Heimatlandes oder eines anderen Menschen zu entwickeln. Enzo lernen wir an dem Punkt kennen, dass er sich entscheiden muss, ob er beruflich und sexuell eigene Schritte gehen will. Eloy Pohl spielt Enzos Introvertiertheit, seine unvorsichtigen Versuche, Zugang zu einer erwachsenen Welt zu finden, und die Übergänge dazwischen mit einer stimmigen Mischung aus Zurückhaltung und Kraft. Es gelingt ihm, die Sympathie der Zuschauenden für einen Charakter zu gewinnen, der tatsächlich abweichend von der gesellschaftlichen Norm zu sein scheint, nicht nur aufgrund seiner Sexualität, sondern aufgrund seiner mentalen Verfassung.
Für eine queere Verliebungsgeschichte ist „Enzo“ überraschend zurückhaltend. Campillo legt den Fokus stärker auf die mentalen Schwankungen und Unsicherheiten seiner Hauptfigur als auf intime Szenen oder Romantik. Der Film legt nahe, dass Enzo auf dem autistischen Spektrum als Form der Neurodivergenz liegen könnte. Neurodivergenz meint ein Abweichen von der Wahrnehmungs-, Aufmerksamkeits- und Verhaltensfähigkeit, die als normal bezeichnet wird. Biologische und soziale Bedingtheit greifen dabei ineinander. Anzeichen für seine autistische Form der Neurodivergenz sind seine immer gleichen Bewegungen beim Schwimmen, seine Suche nach Tätigkeiten, die im Halt geben und bei denen er in seiner eigenen Welt sein kann – etwa das Zeichnen von leblosen Körpern oder das Maurern –, sowie sein unbalancierter, unsicherer bis grenzüberschreitender Umgang mit eigenen Bedürfnissen oder sozialen Signalen anderer. Seine Eltern und Vlad sind ebenfalls hin- und hergerissen dazwischen, eine emotionale Beziehung zu Enzo aufzubauen und sich als Erwachsene sorgend um einen Menschen mit einem herausfordernden Schicksal zu kümmern.
„Enzo“ ist somit eine besondere Coming-of Age Geschichte eines 16-Jährigen Jungen und seines Umfelds. Der Film wird von dem Konflikt und der doppelten Frage getragen, die sich daraus ergibt: Gelingt es Enzo, eine Brücke zu den Erwachsenen aufzubauen und gelingt es den Erwachsenen, einen Zugang zu Enzo zu finden? Die dramaturgisch und schauspielerisch stärksten Szenen sind, wenn gezeigt wird, wie Enzo in die Welt von Vlad eintreten will und wenn gezeigt wird, wie seine Eltern auf unterschiedliche Weise versuchen, einen Zugang zu Enzo zu finden.
Erzählerisch wird sich Mühe gegeben, dass nachvollziehbar wird, wie Enzo auf bestimmte Ideen und Taten kommt. Der Einfluss durch die beiden Ukrainer und ihre Gespräche über den Krieg wird als mögliche Erklärung eingewoben, aber auch als eigene Geschichte rund um Vlad. Die Handlung kommt dadurch leider zu langsam voran und verliert teilweise ihren Fokus auf Enzo. Auch das halboffene und etwas abrupte Ende wirkt in dem Zuge erzwungen. Das ist schade, weil „Enzo“ mutig ist und etwas Neues versucht. Durch die Verschränkung von Queerness und Neurodivergenz zählt „Enzo“ zum intersektionalen Kino. Der Begriff „Intersektionalität“ trägt der Tatsache Rechnung, dass ein Mensch zugleich mehrere Eigenschaften haben kann, durch die er von der privilegierten gesellschaftlichen Norm abweicht. Der Oscargewinner „Moonlight“ erzählt beispielsweise von einem homosexuellen, farbigen Mann aus armen Verhältnissen. Erzählungen aus der Perspektive, die der Film „Enzo“ einnimmt, existieren kaum. Leider scheint der Film sich, wie Enzo zu fragen, wieviel er von seiner Queerness und Neurodivergenz den Zuschauenden zumuten kann. In einer Gesellschaft, in der Queerness gerade erst an die Tür der Selbstverständlichkeit klopft und in der das Verständnis für Neurodivergenz noch sporadisch ist, ist diese Vorsicht des Films jedoch nachvollziehbar. Dennoch führt die Zurückhaltung dazu, dass die aufgeworfenen Entwicklungsfragen, zu knapp beantwortet werden.
Letzlich entfaltet „Enzo“ nicht sein ganzes Potential, seine queere und neurodivergente Perspektive zu erzählen, weil er mit der Figur des Vlad zu sehr an dem Wunsch festhält, auch noch eine normale Geschichte zu bedienen. Dennoch gelingt es dem Film, mit feinen, beobachtenden Tönen und ein paar hervorstechenden Szenen ein Gefühl für eine besondere Coming-of Age Geschichte zu entwickeln. Er leistet damit einen wichtigen Beitrag für das intersektionale Kino, der aufgegriffen werden kann.

STUDIO u. a. FRANCE 3 CINÉMA DREHBUCH LAURENT CANTET, ROBIN CAMPILLO REGIE ROBIN CAMPILLO JAHR 2025

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Enzo

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