Luca Guadagnino verbindet auf von ihm gewohnt ästhetisch, in Songauswahl und Symbolik beeindruckender Art in seinem neuesten Film eine intime Dreiecksbeziehung mit der Welt des Tennis. Drei Menschen, die in einer Welt von Zweien leben, in der es nur einen Gewinner geben kann. Eine eigentlich unmögliche Spannung. Bevor es jedoch ums Gewinnen, um die Liebe oder um Polyamorie geht, geht es in Challengers ums Erwachsenwerden, um die Entdeckung des unbedingten Mutes zu sich selbst, der einen erst frei zu anderen führen kann.
Die beiden besten Freunde Art und Patrick verlieben sich an dem Tag, an dem sie zusammen den Junioren-Titel der US Open gewonnen haben, bei der After-Party in die talentierteste und reifeste ihrer Generation, Tasha. Art und Patrick stehen ihr im Talent nur wenig nach. Beide begegnen sich am kommenden Tag im Einzelfinale der Junioren. Tasha verspricht dem Sieger ihre Nummer. Der Charakter von Zendaya zeigt sich nicht nur an dieser Stelle den anderen beiden überlegen. Immer wieder bringt sie die Metapher des Filmes und damit Gedanken des Autors selbst zur Sprache – „Tennis ist Beziehung“ – und scheint am ehesten den Durchblick zu haben. Den Ball zu den beiden gespielt, lässt sie Art und Patrick den Ernst eines Spiels, bei dem es nur einen Gewinner geben kann, spüren. Sie gewinnt Patrick für sich. Durch ihre Verletzung ein paar Jahre später, verliert sie ihren Vorteil und den zweiten Satz. Um im Spiel zu bleiben, braucht sie einen der beiden und Art ist zur Stelle. Mittlerweile auf der Profitour angekommen, fragt er sie, ob sie ihn coachen will. Zusammen gewinnen sie 6 Grand Slam Titel, so viele wie Boris Becker, trotzdem stellt sich zu Beginn des Films die Frage, ob Art noch einmal von einer Verletzungsunterbrechung zurückkommen und den Karrieren Grand Slam, ein Sieg bei jedem der vier größten Tennisturniere der Welt, schaffen wird. Sie gibt alles dafür und hat die Idee, ihn kurzfristig für ein Challengers, ein Turnier der quasi zweiten Liga im Tennis, anzumelden, sodass er wieder Selbstbewusstsein tanken kann. Patrick, dem nie der Durchbruch auf die ATP-Tour gelang befindet sich auf der anderen Seite des Turnierbaums. Im Finale gibt es die Chance auf das erste Erwachsenenmatch der beiden, die seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben.
Die, die bei diesem Challengers Finale am meisten zu verlieren hat, ist jedoch Tasha. Nachwievor gehorchen Art und Patrick ihrem Spiel, begehren sie und machen sich abhängig von ihr und ihrem Urteil. Im Finale genau auf der Höhe des Netzes zwischen Art und Patrick sitzend, gibt auch sie immer noch ihre eigene Urteilskraft ab. Wie bei einem langen Tennismatch ist bei Challengers nicht das Ergebnis sondern, das Wie so spannend. Wie kommen die Drei da wieder raus und was bedeutet das Match für wen?
Guadagnino nutzt die Metapher des Tennisspiels durch das Dreiecksgespann seiner Charaktere beinahe wahnhaft aus, um uns eine emanzipatorische Reise zu erzählen, die in dieser schlichten und durch die nachgezeichnete Tiefe komplexen Brillanz seinesgleichen sucht. Es muss jedoch gewarnt werden, der Umgang der beiden Jungs miteinander ist unfassbar süß und zum Niederknien, der Umgang der Dreien miteinander mit der Zeit toxisch und zum Davonlaufen. Auch der Soundtrack und die wilden Schnittjagden während den gut inszenierten und doch manchmal etwas eintönigen Ballwechseln strapazieren zuweilen Nerven. Man mag anerkennen, dass dies im Sinne des Spannungsbogens durchaus beabsichtigt sein könnte. Dieser findet ein denkbar rundes Ende. Challengers verbindet eine Recherche und Inszenierung der Tenniswelt auf hohem Niveau mit hesseartiger Erzählkunst. Die tollen Schauspieler*innen geben ihr übriges und hauchen von Körpersprache bis Mimik den Figuren viel Leben ein. Ich freue mich schon auf die nächste Zusammenarbeit des Debüt-Drehbuch- und eigentlich Romanautoren Justin Kuritzkes mit dem Regisseur Luca Guadagnino.

STUDIO u.a. PASCAL PICTURES DREHBUCH JUSTIN KURITZKES REGIE LUCA GUADAGNINO JAHR 2024

Neueste Filmkritiken

Enzo

Der 16-Jährige Enzo bricht die Schule ab und beginnt eine Ausbildung zum Maurer. Nach der Arbeit springt er in den Pool des Hauses seiner wohlhabenden Eltern und zieht mit disziplinierten, immer gleichen Bewegungen seine Bahnen. Seine Eltern unterstützen ihn, halten ihre Sorgen und Kritik an Enzos Entscheidung aber nicht zurück. Ihnen wäre lieber, wenn er die Schule beendet und seinem künstlerischen Talent auf einer Privatschule nachgeht. Auf dem Bau lernt er den gutaussehenden Ukrainer Vlad und dessen Kumpel Miroslav kennen. Enzo fühlt sich auf eine jugendlich unerfahrene Weise in der sommerlichen Kulisse der Côte d’Azur zu Vlad hingezogen.

Marty Supreme

Josh Safdie hat etwas verstanden, was eigentlich auf der Hand liegt, aber doch viele Geschichtenerzählende zu übersehen scheinen: Der Charakter eines Charakters liegt nicht nur in seinem Charakter, sondern genauso in seiner Umgebung. Klingt paradox? Ist es aber nicht. Ja, Marty Mauser ist ein waschechter Egoist, ja, er hält sich für den besten Tischtennisspieler der Welt und ja, er ist verdammt ungeduldig. Aber die Menschen im New York der 50er sind es auch. Sein Onkel, der Marty ohne Rücksicht zum Geschäftsführer seines Schuhladens machen will. Seine Freundin, Nicht-Freundin, die abgesehen davon, dass sich Marty ihr gegenüber die meiste Zeit wie ein beschissener Freund verhält, auch eine Ungeduld auf Marty überträgt.

Chronicles from the Siege

Die Sprache des Kinos ist eher das Zeigen als das Sprechen. Und es ist ein Statement von Wim Wenders und der Jury der Berlinale, die wegen ihrer Unpolitikalität kritisiert wurden, dass der Goldene Bär und der Preis für den besten Debütfilm an Filme gingen, die die Ungerechtigkeit der Unterdrückung auf so kunstvolle, detaillierte und humanistische Weise zeigen. Während sich „Yellow Letters“ von Ilker Çatak auf die privilegierte Welt konzentriert, zeigt „Chronicles from the Siege“ von Abdallah Al-Khatib die rohe Brutalität des Überlebens in Palästina.

Gelbe Briefe

Im neuen Film von Ilker Catak geht es um ein erfolgreiches Künstlerpaar in der Türkei. Aziz schreibt Theaterstücke und ist Professor. Derya ist Schauspielerin am Nationaltheater in Ankara und ist oft die Hauptdarstellerin in seinen Stücken. Den Film „Gelbe Briefe“ zeichnet aus, dass er sich über viele Seiten seinem Thema nähert, über kleine Handlungen, über Dialoge oder mal über deutliche Statements geschickt eingewoben durch die Berufe der beiden Hauptfiguren, Schreiben und Sprechen. So verweigert Derya in der Eingangsszene als erste kleine Handlung einem hohen Staatsmann nach der Premiere eines politischen Theaterstücks das gemeinsame Foto. Das Thema nimmt an Fahrt auf, als die beiden Gelbe Briefe von der Universität und dem Theater bekommen mit der ironischen Nachricht: „Wir akzeptieren ihre Kündigung“.