Zug um Zug schaukeln sich die Ereignisse hoch. Carla Novak, hochmotivierte Mathe- und Sportlehrerin, kommt an ein Gymnasium, auf dem seit einer Reihe von Diebstählen eine „Null Toleranz Politik“ herrscht. In ihrem Eifer und Wunsch, die Schüler:innen zu schützen, fasst sie schnell einen handfesten Verdacht und geht in die Konfrontation. Doch was als Lösungsversuch für den Schulfrieden gedacht war, entpuppt sich als Beginn eines psychologischen Schachkampfes. Oskar, zwölfjähriges Mathe- und Logikgenie und Sohn der Verdächtigten, sitzt bei Frau Novak in der Klasse. Er nimmt den Kampf für seine Mutter auf, die von der Arbeit suspendiert wird. „Das Lehrerzimmer“ ist kein gewöhnlicher Schulfilm, wenn es sowas gibt. Es geht weder um die Schüler:innen noch um eine besondere Persönlichkeit in Gestalt der Lehrerin, wie es beispielsweise bei einem Film wie „Der Club der toten Dichter“ der Fall ist. Schauplatz des Geschehens ist das Lehrerzimmer und die Schule. Nur einmal bekommen wir das Gebäude von außen zu sehen. „Das Lehrerzimmer“ ist ein Drama mit seichtem Einschlag zum Thriller. In kühlem Farbton und mit kratzender Musik schafft er eine Atmosphäre die mich an Filme wie „Gone Girl“ oder „Anatomie eines Falls“ erinnern. Ohne uns jemals in unserem Urteil ganz sicher sein zu können, werden wir als Zuschauende in einen taktischen Wettstreit eingespannt, bei dem es schon bald nicht mehr um lächerliche entwendete Pfennige, sondern um Prinzipien geht. Dabei sind wir als Zuschauende so nah dran an Carla Novak, das zuweilen verschwimmt, ob Carla ihrer und wir somit unserer Wahrnehmung trauen können. Der Film fängt die psychologische Belastung eines existenziellen Kampfes ums Prinzip – Ehre und Überlebenswunsch trifft auf den Wunsch eines ehrlichen, gemeinsamen Miteinanders – nachempfindbar ein. Leonie Benesch schafft es, diese Steigerung der Dramatik nuanciert einzufangen. Auch die Jungdarstesteller:innen scheinen wie mitgerissen worden zu sein. „Das Lehrerzimmer“ ist eine meisterhafte, spannende Erzählung, bei der in der Umsetzung die richtigen Züge gefunden wurden.
STUDIO u.a. ARTE DREHBUCH İLKER ÇATAK, JOHANNES DUNCKER REGIE İLKER ÇATAK JAHR 2023
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The Banshees of Inisherin
Wie kann ein Film, der vor hundert Jahren auf einer kleinen irischen Insel spielt, fesselnder und kurzweiliger sein, als das audio-visuelle Spektakel Avatar 2? Vielleicht, weil es spannender ist, die Entwicklung eines fundamentalen Konflikts in der Beziehung von zwei Freunden mitzubekommen, die Jahr ein Jahr aus täglich in denselben Pub gingen um einen zu trinken, als eine langgestreckte Zeit auf Pandora zu verbringen.
Der Club der toten Dichter
Bildung. Was ist das eigentlich? Ein Kopf auf den Ellenbogen gestützt vor einem Lehrbuch? Allein im Zimmer kann diese Geste des Körpers und eines Buches Leidenschaft und Seelenruhe bedeuten, in einem Raum mit einer Person an der Spitze kommt mir eher der Gedanke von tiefstem Gehorsam.
Triangle of Sadness
Eine Gruppe junger Männer mit freiem Oberkörper drängt sich in einen Raum. Sie warten auf ein Casting für männliche Models. Ein etabliertes Model fordert die Wartenden heraus. Die Hauptfigur Carl soll ihren schmollenden Blick aufsetzen. „Perfect. That’s Chanel, Boss. We look down on you. Now smile“. Carl lacht und zeigt seine Zähne. “H&M!” ruft die andere Person lachend. Der Geist kontrolliert den Körper.
The Innocents
Ich habe Angst. Eine kühle Wohnsiedlung. Spielende Kinder. Ein Horrorfilm. Die Entdeckung der Kraft, Leben zu lassen und zu zerstören. Eine Geschichte über Einsamkeit, den verzweifelten Wunsch, Wesen zu finden, mit denen man seine Erlebnisse teilen kann, Enttäuschung, Konflikt und Angst.
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