Bildung. Was ist das eigentlich? Ein Kopf auf den Ellenbogen gestützt vor einem Lehrbuch? Allein im Zimmer kann diese Geste des Körpers und eines Buches Leidenschaft und Seelenruhe bedeuten, in einem Raum mit einer Person an der Spitze kommt mir eher der Gedanke von tiefstem Gehorsam.

Bildung von Menschen. Was ist das eigentlich? Ein junger Mensch mit einem einfachen Haarschnitt in einem Klassenzimmer an einem Internat Ende der 1950er steht auf, tritt nach vorne und spricht zu den anderen Anwesenden. Spricht, wovon er gesehen hat, mit eigenen Augen; zeigt, was er empfunden hat, mit eigener Haut; berichtet, was er gehört hat, mit eigenen Ohren; trägt vor, was er gedacht hat, mit eigenen Gedanken; tritt ein, für das, was er als richtig empfindet, mit eigenen Urteil. Möglich gemacht durch den bedingungslosen Glauben einer anderen Person. Dem neuen Lehrer in diesem Zimmer von Edel und Holz. Und nun, weil die deutsche Sprache den Menschen, männlich bezeichnet – der Mensch – und das für das innere Vorstellungsbild ja doch einen Unterschied macht, nochmals:

Menschenbildung. Was ist das eigentlich? Es ist der Erfahrungsprozess, bei dem ein Mensch den Satz lernt, „ich bin mit meiner Leiblichkeit und Geschichtlichkeit und Eigentümlichkeit in dieser Welt richtig“ und sich zutraut, mit den eigenen Sinnen und! Verstand, mit dem eigenem Verstand und! eigenen Sinnen ein eigenes Urteil zu treffen. Sich zutraut, einzutreten, für das, was er will und für gut, richtig und schön empfindet.

Man mag ein Buch über Poesie schreiben, das erklärt, was Poesie ist und wie wir sie analysieren, verstehen und lernen können, oder man reißt diese Seiten raus und schreit: Jeder Mensch ist ein Poet.

Die Welt, die wir leben, ist nicht zu entziffern, sondern zu dichten. Ich lebe mein eigenes Gedicht. Lebe es, wenn ich es der Welt zeige und mit ihr schreibe. Und wenn ich sterbe, reihe ich mich ein ein den Club der toten Dichter.

STUDIO u.a. TOUCHSTONE PICTURES DREHBUCH TOM SCHULMAN REGIE PETER WEIR JAHR 1989

Neueste Filmkritiken

Enzo

Der 16-Jährige Enzo bricht die Schule ab und beginnt eine Ausbildung zum Maurer. Nach der Arbeit springt er in den Pool des Hauses seiner wohlhabenden Eltern und zieht mit disziplinierten, immer gleichen Bewegungen seine Bahnen. Seine Eltern unterstützen ihn, halten ihre Sorgen und Kritik an Enzos Entscheidung aber nicht zurück. Ihnen wäre lieber, wenn er die Schule beendet und seinem künstlerischen Talent auf einer Privatschule nachgeht. Auf dem Bau lernt er den gutaussehenden Ukrainer Vlad und dessen Kumpel Miroslav kennen. Enzo fühlt sich auf eine jugendlich unerfahrene Weise in der sommerlichen Kulisse der Côte d’Azur zu Vlad hingezogen.

Marty Supreme

Josh Safdie hat etwas verstanden, was eigentlich auf der Hand liegt, aber doch viele Geschichtenerzählende zu übersehen scheinen: Der Charakter eines Charakters liegt nicht nur in seinem Charakter, sondern genauso in seiner Umgebung. Klingt paradox? Ist es aber nicht. Ja, Marty Mauser ist ein waschechter Egoist, ja, er hält sich für den besten Tischtennisspieler der Welt und ja, er ist verdammt ungeduldig. Aber die Menschen im New York der 50er sind es auch. Sein Onkel, der Marty ohne Rücksicht zum Geschäftsführer seines Schuhladens machen will. Seine Freundin, Nicht-Freundin, die abgesehen davon, dass sich Marty ihr gegenüber die meiste Zeit wie ein beschissener Freund verhält, auch eine Ungeduld auf Marty überträgt.

Chronicles from the Siege

Die Sprache des Kinos ist eher das Zeigen als das Sprechen. Und es ist ein Statement von Wim Wenders und der Jury der Berlinale, die wegen ihrer Unpolitikalität kritisiert wurden, dass der Goldene Bär und der Preis für den besten Debütfilm an Filme gingen, die die Ungerechtigkeit der Unterdrückung auf so kunstvolle, detaillierte und humanistische Weise zeigen. Während sich „Yellow Letters“ von Ilker Çatak auf die privilegierte Welt konzentriert, zeigt „Chronicles from the Siege“ von Abdallah Al-Khatib die rohe Brutalität des Überlebens in Palästina.

Gelbe Briefe

Im neuen Film von Ilker Catak geht es um ein erfolgreiches Künstlerpaar in der Türkei. Aziz schreibt Theaterstücke und ist Professor. Derya ist Schauspielerin am Nationaltheater in Ankara und ist oft die Hauptdarstellerin in seinen Stücken. Den Film „Gelbe Briefe“ zeichnet aus, dass er sich über viele Seiten seinem Thema nähert, über kleine Handlungen, über Dialoge oder mal über deutliche Statements geschickt eingewoben durch die Berufe der beiden Hauptfiguren, Schreiben und Sprechen. So verweigert Derya in der Eingangsszene als erste kleine Handlung einem hohen Staatsmann nach der Premiere eines politischen Theaterstücks das gemeinsame Foto. Das Thema nimmt an Fahrt auf, als die beiden Gelbe Briefe von der Universität und dem Theater bekommen mit der ironischen Nachricht: „Wir akzeptieren ihre Kündigung“.