Algier. 1938. Eine Stimme erzählt, dass die Franzosen Algerien in ein neues Zeitalter geführt haben. Szenenwechsel. Wir sehen zwei Männer einen Mann in einem steinernen Gebäude im Schatten zur Kamera führen bis das einfallende Licht der Sonne sein Gesicht zeigt. Er wird in ein Lager mit anderen Gefangenen gebracht. Was hast du gemacht? fragt einer. Ich habe einen Araber getötet.
Franzois Ozon erzählt nah an der Buchvorlage von Albert Camus die Geschichte von Meursault, die in einem skurrilen Gerichtsprozess endet. Meursault ist etwa 30. Alles beginnt mit einem Telegramm auf dem steht, dass seine Mutter im Altersheim gestorben und die Beerdigung am nächsten Tag ist. Noch am Tag der Beerdigung beginnt er im Strandbad eine Affäre mit der flüchtig bekannten Marie. Eine Affäre, die in der Szene mündet: Willst du, dass wir heiraten? Woraufhin er sinngemäß antwortet: Wenn du das willst, mir ist es egal. Später im Gericht wird Meursault als schweigsam und verschlossen charakterisiert. Ozon fängt diese Schweigsamkeit mit ruhigen Szenen ein, die Meursault rauchend auf dem Balkon, im Bett oder am Strand zeigen. In Momenten mit anderen Menschen steht er oft nur da. Wenn die Filmmusik ausnahmsweise ertönt ist sie durchaus passend dunkel und atmosphärisch. Trotzdem hat sich der Film für mich nicht langatmig angefühlt. Die Ästhetik ist zum Niederknien und auch das visuelle Design orientiert sich gekonnt am Innenleben von Meursault, wenn beispielsweise bewusst eine Person, die gerade mit Meursault spricht, verschwommen gezeigt wird, während Meursaults Hinterkopf scharf zu sehen ist. Die Nebenfiguren funktionieren allesamt und bekommen den Raum, den sie auch im Buch haben. Das Motiv der Sonne wird ästhetisch eindrucksvoll durch die Wahl des Schwarzweißbildes in den Film eingebettet. Und inhaltlich? Inhaltlich steigert sich die Geschichte und zeigt im letzten Drittel eine Gerichtsszene auf dem Niveau des Films „Anatomie eines Falls“. So wie mit der Eingangsszene behandelt Ozon das Thema der Koloniarisierung bis zum Ende kommentarlos. Nur mit Nadelstichen taucht es aus dem Hintergrund auf. Diese Nadelstiche haben es in sich. Immer im Mittelpunkt bleibt der Fremde.
Diese eigenartige, scheinbar oder wirklich gestörte Figur hat Albert Camus den Literaturnobelpreis gebracht und der Frage der Sinnhaftigkeit der Welt nach der Antwort der Religion einen gleichwertigen neuen Beitrag gebracht. Die Beurteilung dieses Beitrags überlässt Ozon mit Camus uns Zuschauenden. Der Film „Der Fremde“ taugt, um diesen Beitrag kennenzulernen und macht Lust, das Buch erneut zu lesen.

STUDIO u.a. FRANCE 2 CINEMA DREHBUCH FRANCOIS OZON, PHILIPPE PIAZZO REGIE FRANCOIS OZON JAHR 2025

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Everything, Everywhere All at Once

Evelyn sitzt in einem vollgestellten Raum vor einem Stapel von Rechnungsbelegen für die Abgabe der Steuererklärung. Nebenan drehen sich unzählige Waschmaschinen. Ausdruck des täglichen Geschäfts eines Waschsalons. Dazu, der gerade zurückgekehrte senile Vater, merklich Teil einer anderen Generation, die lesbische Tochter Joy, die ihrem Großvater ihre Freundin vorstellen will und der liebevolle Ehemann Waymond, der erfolglos ein wichtiges Gespräch mit ihr sucht. Bereits in diesen ersten zwei Minuten reißt der Film Themen und eine Beziehungsdynamik an, deren Reflektion für diesen Text zu viel wäre. Überforderung. Das ist der Ausgangspunkt dieser Kritik nach einem Filmerlebnis, das im positiven Sinne zu viel war.

Good Time

Mein Herz rast. Was war das denn gerade? Wie ein Kick in die Magengrube nur um dann doch noch auf einer sanften, melancholischen Note zu landen. Mitreißend, packend und auch berührend ist Good Time ein Film der amerikanischen Regie-Brüder Joshua und Benjamin Safdie.

Titane

Der Film „Titane“ geht unter die Haut. Wer emotional und bildgewaltig auf festen Füßen steht, kann mit diesem Film auf eine gefühlvolle Reise gehen, die in dieser Form einzigartig ist. „Titane“ veranschaulicht den seelischen Kampf eines Menschen, die sich selbst und ihre eigene Leiblichkeit – allen voran ausgedrückt durch die eigene Sexualität – nicht annehmen kann, und das in einer bedrückenden Konsequenz.

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Ein Mann sitzt in einer Notrufzentrale in Kopenhagen und telefoniert. Der dänische Film The Guilty (2018) ist das Argument für alle, die schon immer gefühlt haben, dass es bei einem Film nicht zuerst um die Bilder geht.