Es ist halb zwölf nachts. Noch im Treppenhaus des Kinos überhole ich die Freundin, mit der ich in „F1“ war. Auf der Straße überholen wir Passanten, um den Zug zu erwischen. Im Zug stellen wir fest, dass wir eine Minute Umsteigezeit haben und rennen, sobald die Türen sich geöffnet haben. Der Film F1 will beschleunigen und ein Rennfieber auslösen. Bei uns hat er das geschafft. Besonders der peitschende Soundtrack von Hans Zimmer mit synthetischen Trommelschlägen und einer gewohnt einfachen, aber kraftvollen Melodie ließ das Adrenalin in meinem Körper ausschütten. Während der Zugfahrt unterhalten wir uns über den Film. Wir stellen fest: Er hat uns unterhalten, auch weil er zuweilen klischeehaft amerikanisch war und weil die Charaktere alle ein Nachwuchs des Protagonisten Sonny Hayes waren, der selbst nicht gerade komplex gestrickt ist. Er liebt seine Freiheit und das Sitzen hinterm Lenkrad und hat aufgrund seiner 55 Jahre ein kleines Repertoire an prägnanten Lebensweisheiten. Nachdem der Anspruch schon runtergeschraubt ist, bleibt die kritische Frage: Ist der Film mit seinen zweieinhalb Stunden zu lang? Ja! Die Geschichte ist schnell auserzählt. Der schlechteste Rennstall der Formel 1 wird von Ruben, einem Kindheitsrennfreund von Sonny, besessen. Wenn er nicht in der zweiten Hälfte der Saison ein Rennen gewinnt, kann der Vorstand den Rennstall Ruben wegnehmen und verkaufen. In seiner Verzweiflung wendet sich Ruben an Sonny, der zu Jugendzeiten mit Senna konkurrierte und als großes Talent galt, bis ein katastrophaler Unfall sein Leben aus der (Renn)bahn geworfen hat. Mittlerweile fährt er wieder allerlei Rennen als Freelancer. Ruben lädt Sonny zu einer Probefahrt nach Silverstone, die Formel 1 Strecke von England, ein. Ohne das noch einer damit gerechnet hätte, sehen wir Brat Pitt aka Sonny Hayes mit Sporttasche um die Ecke kommen und auf dem Asphalt zur Box von APEX, so heißt der Rennstall von Ruben, schreiten. Nicht zum letzten Mal. Diese coole Männer Shots meine ich unter anderem mit amerikanischem Klischee. Wie dem auch sei. Die Box, die Mechaniker_innen und die ehrgeizige Ingenieurin sind (für einen Laien wie mich) fantastisch inszeniert, wobei der Stil der Inszenierung von Autoteilen und Menschen teilweise wie ein Werbeblock für die neuesten Apple-Produkte wirkt. Sonny nimmt den Fahrerplatz an und im Folgenden entfaltet sich ein Kampf innerhalb des Teams und natürlich mit den anderen Teams der Formel 1 an dessen Ende die Frage steht, ob der gnadenlose Außenseiter es schaffen kann, ein Rennen zu gewinnen. Die Aufnahmen der Rennen auf den echten Strecken mit den echten aktuellen Formel 1 Fahrern sind atemberaubend. Jedes Rennen bekam von Ehren Kruger, dem Drehbuchautoren, eine eigene Dramaturgie. Das macht es für uns Zuschauende spannend, für den Formel 1 Fanatiker allerdings recht unrealistisch. Ebenso bekommt die zweite Hälfte der Saison, die wir mit Sonny und APEX begleiten, eine eigene Dramaturgie, wobei sich der Film nicht ganz entscheiden kann, ob dabei wirklich Sonny oder sein junger Ko-Fahrer Joshua Pearce im Mittelpunkt stehen soll. Dass zudem am Ende noch ein Antagonist und eine kleine Liebesgeschichte auftauchen, macht F1 länger als er sein müsste und zu dem seichten, aber unterhaltsamen amerikanischem Klischee.
Mittlerweile sind wir zuhause angekommen und stellen abschließend fest. Das war eine Reise in eine andere Welt. Eine Welt der Superreichen, des Sekts und der Umweltverschmutzung. Eine Welt, die sich zwar zu immer höheren technischen Meisterleistungen aufschwingt, die aber in Zeiten der fossilen Übernutzung ihrem eigenen Ende zuschreitet. Der Film „F1“ gibt das Äquivalent dazu ab. Immerhin hat er fast 300 Millionen Euro gekostet. Zudem wird auch er bald in Vergessenheit geraten, während ein Rush oder ein LeMans 66 auch in zwanzig Jahren noch filmisch Lust machen, sie zu sehen.

STUDIO u.a. APPLE DREHBUCH EHREN KRUGER REGIE JOSEPH KOSINSKI JAHR 2025

Neueste Filmkritiken

Enzo

Der 16-Jährige Enzo bricht die Schule ab und beginnt eine Ausbildung zum Maurer. Nach der Arbeit springt er in den Pool des Hauses seiner wohlhabenden Eltern und zieht mit disziplinierten, immer gleichen Bewegungen seine Bahnen. Seine Eltern unterstützen ihn, halten ihre Sorgen und Kritik an Enzos Entscheidung aber nicht zurück. Ihnen wäre lieber, wenn er die Schule beendet und seinem künstlerischen Talent auf einer Privatschule nachgeht. Auf dem Bau lernt er den gutaussehenden Ukrainer Vlad und dessen Kumpel Miroslav kennen. Enzo fühlt sich auf eine jugendlich unerfahrene Weise in der sommerlichen Kulisse der Côte d’Azur zu Vlad hingezogen.

Marty Supreme

Josh Safdie hat etwas verstanden, was eigentlich auf der Hand liegt, aber doch viele Geschichtenerzählende zu übersehen scheinen: Der Charakter eines Charakters liegt nicht nur in seinem Charakter, sondern genauso in seiner Umgebung. Klingt paradox? Ist es aber nicht. Ja, Marty Mauser ist ein waschechter Egoist, ja, er hält sich für den besten Tischtennisspieler der Welt und ja, er ist verdammt ungeduldig. Aber die Menschen im New York der 50er sind es auch. Sein Onkel, der Marty ohne Rücksicht zum Geschäftsführer seines Schuhladens machen will. Seine Freundin, Nicht-Freundin, die abgesehen davon, dass sich Marty ihr gegenüber die meiste Zeit wie ein beschissener Freund verhält, auch eine Ungeduld auf Marty überträgt.

Chronicles from the Siege

Die Sprache des Kinos ist eher das Zeigen als das Sprechen. Und es ist ein Statement von Wim Wenders und der Jury der Berlinale, die wegen ihrer Unpolitikalität kritisiert wurden, dass der Goldene Bär und der Preis für den besten Debütfilm an Filme gingen, die die Ungerechtigkeit der Unterdrückung auf so kunstvolle, detaillierte und humanistische Weise zeigen. Während sich „Yellow Letters“ von Ilker Çatak auf die privilegierte Welt konzentriert, zeigt „Chronicles from the Siege“ von Abdallah Al-Khatib die rohe Brutalität des Überlebens in Palästina.

Gelbe Briefe

Im neuen Film von Ilker Catak geht es um ein erfolgreiches Künstlerpaar in der Türkei. Aziz schreibt Theaterstücke und ist Professor. Derya ist Schauspielerin am Nationaltheater in Ankara und ist oft die Hauptdarstellerin in seinen Stücken. Den Film „Gelbe Briefe“ zeichnet aus, dass er sich über viele Seiten seinem Thema nähert, über kleine Handlungen, über Dialoge oder mal über deutliche Statements geschickt eingewoben durch die Berufe der beiden Hauptfiguren, Schreiben und Sprechen. So verweigert Derya in der Eingangsszene als erste kleine Handlung einem hohen Staatsmann nach der Premiere eines politischen Theaterstücks das gemeinsame Foto. Das Thema nimmt an Fahrt auf, als die beiden Gelbe Briefe von der Universität und dem Theater bekommen mit der ironischen Nachricht: „Wir akzeptieren ihre Kündigung“.