Mein Herz rast. Was war das denn gerade? Wie ein Schlag in die Magengrube nur um dann doch noch auf einer sanften, melancholischen Note zu landen. Mitreißend, packend und auch berührend ist Good Time ein Film der amerikanischen Regie-Brüder Joshua und Benjamin Safdie. Während Joshua am Drehbuch mitgewirkt hat, spielt Benny selbst Nick, den kleineren der beiden Brüder, die im Mittelpunkt des Filmes stehen. Der Film beginnt mit einer Nahaufnahme auf Nick. Er sitzt in einer zunehmend emotionalen Sitzung mit seinem Therapeuten, aber bevor es zum Höhepunkt kommt, platzt sein großer Bruder Connie herein. Nick soll ihm das erste Mal bei einem Banküberfall helfen. Das Tempo, das der Film in diesem Moment aufnimmt, wird bis zum Ende gehalten. Der Banküberfall scheint zu glücken, nur um dann doch in einer hektischen Verfolgung zu enden, bei der Nick geschnappt wird. Immer bevor es zum Höhepunkt kommt, geht das Geschehen in eine andere Richtung weiter. Und das auf eine Weise, die nie konstruiert wirkt. In der neueren Filmgeschichte fällt mir hier als erstes Martin McDonagh ein, dem dies auf ebenso geniale Weise gelingt. Dessen Drehbuch für Three Billboards outside Ebbing, Missouri erhielt immerhin eine Oscarnominierung. Nur, dass sich Good Time weniger um Fragen der Moral dreht, als um eine Charakterstudie verschiedenster Menschen, allen voran der beiden Brüder, die gegensätzlicher nicht sein können. Da ist der in sich gekehrte, emotional traumatisierte Nick und neben ihm der extrovertierte, kreativ-chaotische aber mit einem unbestechlichen Witz agierende Connie. Der Gegensatz der beiden wird auf filmischer Ebene perfekt aufgegriffen, wenn auf Adrenalin geladene Szenen, in denen sich die Ereignisse überschlagen, ruhige Kamerafahrten folgen, bei denen der Zuschauer durchatmen kann. Und der Gegensatz wird weitergeführt durch den peitschenden elektronischen Score, der sich mehrmals vollends entfaltet, nur um dann komplett zu verstummen. Insgesamt hält sich die Kamera und der Schnitt eher zurück und bildet einen angenehmen Gegenpol zu den aufregenden Geschehnissen. Ruhig aber überwiegend nah am Geschehen und den Personen gehalten, mit nicht zu kurzen, aber auch nicht zu langen Schnitten ebnet sie den Weg für den aufwühlenden Ritt mit Connie durch den New Yorker Stadtteil Queens. Dieser versucht die nötigen 10.000 $ aufzutreiben, um Nick aus dem Gefängnis rauszuholen. In den nächsten 24 Stunden begegnen wir mit ihm weiteren Charakteren, denen allesamt wie den Brüdern selbst eine Kindlichkeit anhaftet. Und das in dem Sinne, dass sie sich nicht in die erwachsene, durchstrukturierte Welt um sie herum einfügen und immer wieder ungewollt auffallen, weil sie sich und ihre Emotionen nicht verstecken können. Während sie auf diese eigentliche Überforderung verschieden reagieren, funktioniert erst durch sie die Geschichte, die, genauso wie Connie, eher versucht, irgendwie durchzukommen, als eine erfolgreiche Karriere aufzubauen. Connie wollte das Geld aus dem Banküberfall, um mit seiner Freundin Corey einen schönen Urlaub zu verbringen. In Good Time erwartet uns keine klassische Heldenreise und auch keine elaborierte Untersuchung einer tiefen philosophischen Frage, die mit einer klaren Message endet. Am Ende fragt man sich viel mehr, wie der Film dort gelandet ist. So mag dem Film thematisch eine gewisse Tiefe fehlen, die er aber auch gar nicht will oder braucht. Das Thema ist so tief wie es gleichzeitig auch leicht zugänglich ist. Es geht, um Menschen in einer sie überfordernden Welt, die „auch einmal etwas Gutes für jemanden tun wollen“. Wie es Corey in einem leicht zu überhörenden Nebensatz im Hintergrund selbst sagt. Nur, dass diese Menschen in ihrem impulsiven Streben danach immer wieder Grenzen überschreiten und sich dadurch die Ereignisse hochschaukeln. So folgt Schlag auf Schlag in einem Film, der einem im wahrsten Sinne des Wortes den Atem raubt. Selten hat ein Film näher und echter eingefangen, wie sich das ungeschützte Leben anfühlt: Wie eine Achterbahnfahrt durch New York.
STUDIO u.a. ELARA PICTURES DREHBUCH RONALD BRONSTEIN, JOSH SAFDIE REGIE JOSH SAFDIE, BENNY SAFDIE JAHR 2017
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Licorice Pizza
"Licorice Pizza". Freunden diesen Titel zu erklären, ist gar nicht so einfach. Vielleicht wurde er gewählt, weil sich dieser Film wie eine gute Pizza mit vielen, wunderbaren und liebevoll angerichteten Belagen anfühlt, die am Ende dennoch so rund ist, wie eine Pizza eben sein sollte.
One battle after another
Wenn ich für den neuen Film von Paul Thomas Anderson einen tieferen Sinn finden müsste, dann wäre es wohl der, dass Gewaltausbrüche auf einem sexuellen Verlangen beruhen. Einem Verlangen, dass ideologische Brandmauern zu überwinden vermag, was es natürlich nicht darf. Und dennoch ist da diese Verbindung, weil die Art und Weise, wie radikale Menschen für ihre Prinzipien brennen, am Ende sehr ähnlich, erbarmungslos und erregt ist.
Das Lehrerzimmer
Zug um Zug schaukeln sich die Ereignisse hoch. Carla Novak, hochmotivierte Mathe- und Sportlehrerin, kommt an ein Gymnasium, auf dem seit einer Reihe von Diebstählen eine „Null Toleranz Politik“ herrscht. In ihrem Eifer und Wunsch, die Schüler:innen zu schützen, fasst sie schnell einen handfesten Verdacht und geht in die Konfrontation. Doch was als Lösungsversuch für den Schulfrieden gedacht war, entpuppt sich als Beginn eines psychologischen Schachkampfes.
F1
Es ist halb zwölf nachts. Noch im Treppenhaus des Kinos überhole ich die Freundin, mit der ich in „F1“ war. Auf der Straße überholen wir Passanten, um den Zug zu erwischen. Im Zug stellen wir fest, dass wir eine Minute Umsteigezeit haben und rennen, sobald die Türen sich geöffnet haben. Der Film F1 will beschleunigen und ein Rennfieber auslösen. Bei uns hat er das geschafft.
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