Josh Safdie hat etwas verstanden, was eigentlich auf der Hand liegt, aber doch viele Geschichtenerzählende zu übersehen scheinen: Der Charakter eines Charakters liegt nicht nur in seinem Charakter, sondern genauso in seiner Umgebung. Klingt paradox? Ist es aber nicht. Ja, Marty Mauser ist ein waschechter Egoist, ja, er hält sich für den besten Tischtennisspieler der Welt und ja, er ist verdammt ungeduldig. Aber die Menschen im New York der 50er sind es auch. Sein Onkel, der Marty ohne Rücksicht zum Geschäftsführer seines Schuhladens machen will. Seine Freundin, Nicht-Freundin, die abgesehen davon, dass sich Marty ihr gegenüber die meiste Zeit wie ein beschissener Freund verhält, auch eine Ungeduld auf Marty überträgt. Man kann es so sehen: Er ist schuld oder die anderen sind schuld, oder man kann es so sehen, dass es dieses Oder nicht gibt. Die Geschichten, die emotional fesseln und die tatsächlich auf einer tieferen Ebene berühren können, gewinnen aus diesem Gedanken ihre Tiefe. Die sehr sehenswerte Serie „Mad Men“ ist ein Beispiel dafür oder der Oscarkonkurrent von „Marty Supreme“ „Sentimental Value“ von Joachim Trier. Josh Safdie entschuldigt Marty nicht durch seine Umgebung. Marty ist für sich selbst verantwortlich, das ist ihm auch ganz bewusst. Aber Josh Safdie sagt sich: Ich kenne deine Schwächen und ich kenne deine Stärken. Ich gebe dir gerade genug, dass du denkst, du kannst dein Ziel erreichen, aber in Wahrheit werfe ich dir deine eigenen Charakterschwächen entgegen und sehe dir dabei zu, wie du um dein Leben schwimmst. Die Titelsequenz des Films zeigt eine Spermie, die versucht, als erste durch den Gebärmutterhals in eine Kugel zu kommen, welche sich geschickt animiert als Tischtennisball herausstellt. Marty ist wie diese Spermie, die versucht, es allen anderen zu zeigen, nur um sich dann in einem Spiel wiederzufinden, bei dem es endlos hin und her geht. Klingt stressig? Ist es auch. Und Josh Safdie muss tatsächlich aufpassen, dass er diese Rezeptur nicht überreizt. Timothée Chalamet bringt eine Energie und Intensität mit, die auch für eine Länge von drei Stunden gereicht hätte und doch hätte für mich der Showdown keine Sekunde später kommen dürfen. Dieser hat es dann nochmal in sich - hier kommen auch Tischtennisfans auf ihre Kosten - und schafft auch charakterlich eine Entwicklung, die für eine versöhnliche Endnote sorgt. Das gelang Josh Safdie mit seinem Bruder bereits in dem ähnlich rasanten Film „Good Time“. Josh Safdie zeigt mit Marty Supreme, dass auch er eine Entwicklung hingelegt hat. Die Nebenfiguren sind nicht nur perfekt gecastet, sondern auch sehr sicher getimt, wenn sie sich quasi die Klinke in die Hand reichen. Gwyneth Palthrow darf als ehemals erfolgreiche Schauspielerin und Frau des Geschäftsmannes Milton Rockwell glänzen, die versucht, die Zeit zurückzudrehen. Ihr Mann ist auf der anderen Seite so etwas wie die Freiheitsstatue – nur in dreckig. Er wirft den Blick über den Atlantik nach neuen Märkten. Das macht ihn wie seine attraktive Frau interessant für Marty, weil die nächste Tischtennis-WM in Japan stattfindet, und weil Rockwell Millionär ist. Der Geschäftsmann und Showman Kevin O‘Leary gibt als Rockwell ein ekliges und faszinierendes Debüt. Was die Debüts angeht, ist er nicht alleine. Josh Safdie hat bewusst Menschen gecastet, die im Film das tun, was sie sonst auch tun. In einem spektakulären Ballwechsel ist der mehrfache Tischtennisweltmeister Timo Boll in 50er-Jahre Klamotten zu sehen. Dieses Casting-Prinzip unterstützt die Körperlichkeit und Emotionalität des Films, die viel Spaß macht. Die wichtigen Nebenfiguren können jedoch noch mehr. Mal fordern sie Marty heraus, mal wenden sie sich von ihm mit der Rücksichtslosigkeit ab, die er selbst an den Tag legt. Dieses Spiel der Hauptfigur mit den Nebenfiguren schafft eine tiefere Ebene, die überzeugen kann. „Marty Supreme“ ist auf seine Art ein verschwistertes Gegenstück zu „The Great Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald. Gatsby will mit all seiner Geduld eine Vergangenheit erzwingen, die er niemals haben kann, während Marty mit all seiner Ungeduld eine Zukunft erzwingen will, die er niemals erreichen kann, weil die Menschen so sind, wie sie sind. Der Vergleich zeigt das Niveau der Geschichte und dennoch gibt es Abstriche. „The Great Gatsby“ ist aus Sicht vom ruhigen, reflektierten Nick erzählt. Diese zweite Ebene, die auch Entlastung zu einem intensiven Charakter schafft, fehlt in „Marty Supreme“. Das ist durchaus so gewollt, wohl aber auch, weil „The Great Gatsby“ auf einem Niveau von Geschichtenerzählen ist, das Josh Safdie noch nicht erreicht hat. Das Niveau von Josh Safdie und Ronald Bronstein ist allerdings auch nicht schlecht: Sie zeigen, was passieren kann, wenn man als Mensch nicht lernt, mit der eigenen Ungeduld oder mit der der anderen umzugehen. Die beiden Autoren regen durch diesen Charakter, der nicht in den Spiegel schauen will, jene Zuschauenden, die sich darauf einlassen, dazu an, selbst in den Spiegel zu schauen und die Lücke zu sehen, zwischen dem, der man sein will und dem, der man gerade ist. Und vielleicht hat diese Lücke auch etwas mit der eigenen Umgebung zu tun. „Marty Supreme“ ist ein handwerklich überzeugendes, existenzielles Drama mit einem Timothée Chalamet, der verdientermaßen als Favorit in das Oscarrennen geht. Schade, dass Odessa A’zion, die die Freundin Rachel spielt, nicht nominiert ist. Ohne sie hätte auch Timothées Performance nur halb so gut funktioniert.
STUDIO A24 DREHBUCH JOSH SAFDIE, RONALD BRONSTEIN REGIE JOSH SAFDIE JAHR 2026
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