Das Kinojahr 2023 fing für mich mit einem zukünftigen Klassiker an. „Die Frau im Nebel“ von Park-Chan Wook oder im Englischen mit dem passenderen Titel „Decision to Leave“. Ein Film der anders ist. Wegen seines Tempos, wegen der Zwischentöne. So viele Zwischentöne, nicht zuletzt, weil die Geschichte die Begegnung von Gesetz und Liebe antastet, zwei Bereichen, die nicht zusammenpassen. Eine Frau wird verdächtigt, ihren Ehemann umgebracht zu haben. In der ersten Szene sehen wir, wie er vom Berghügel der Stadt fällt. Ein Detektiv nimmt sich dem Fall an und fühlt sich wenig später zu ihr hingezogen. Der Film ist raffiniert komponiert, mit anregender Bild- und Symbolsprache, mit einem cleveren Einbezug von Smartphones und Tönen, mit zugegeben einiger Länge und einem eindrückenden Ende. Hier steckt mehr drin, als sich beim ersten Sehen erfassen lässt.
Ähnlich raffiniert und doch anders war “The Banshees of Inisherin” von Martin McDonough. Ein Film, der für mich auch beim zweiten Mal mindestens so gut wie beim ersten Mal funktionierte. Grandios geschrieben. Ein mitfühlbarer und doch verrückter Konflikt zwischen zwei Freunden auf einer irischen Insel Anfang des 20. Jh. Szene um Szene steigert er sich. Die wenigen Schauplätze und klar gezeichneten Charaktere, der Dorftrottel, der Polizist, die alte Frau, der Pfarrer, Podrics Esel und seine Schwester, lassen den Film wie ein Theaterstück anmuten. Ein Theaterstück mit atemberaubenden Bildern irischer Küstenlandschaft, verspielten allegorischen Bildern, stimmigen Kostüm- und Setdesign und fesselndem Schauspiel. Weiter ging es für mich mit „Tàr“ von Todd Field. Einer intensiven Charakterstudie einer durchtriebenen Dirigentin an der Berliner Philharmonie und auch wenn ich es erst dachte, der Film beruht nicht auf wahren Begebenheiten. In kühlen, regnerischen Bildern zeigt er Cate Blanchetts beeindruckendes Können und arbeitet sich an aktuellen Debatten um Werk und Autor sowie Machtmissbrauch von Menschen in ruhmreichen Positionen ab. Zuweilen schneidet sich leider das Vorhaben, Persönlichkeit zu fokussieren, mit demjenigen, Gesellschaft zu kritisieren.
„Barbie“ von Greta Gerwig macht es da besser. Es wird eine Persönlichkeit fokussiert, die eigentlich keine ist, Barbie, und die dann doch in eine existenzielle Krise gerät, als ihr ihre eigene Sterblichkeit bewusst wird. Bunt, schrill und erwachsen zeichnen die Filmschaffenden kreative, lustige – hier besticht Rian Gosling als Ken – und gleichwohl zum Nachdenken anregende Szenen. Der Film ist offensichtlich drüber, dennoch schafft es Gerwig, dass ernste Dialoge und Aussprachen sitzen können. Ein würdiger finanziell erfolgreichster, nicht bester, Film des Jahres.
Eine Woche später ging es für mich in „Oppenheimer“ von Christopher Nolan. Wiederholt entfaltet Nolan die gesamte Macht des Kinos, die darin liegt, Unvorstellbares so nah zu bringen, dass sich daraus ein Gefühl entwickeln kann, evtl. sogar ein moralisches Gefühl, das zu gesellschaftlichen oder persönlichen Veränderungen führt. In Zeiten des prometheischen Gefälles, wie Günther Anders es bereits in den 1950er Jahren formulierte, in denen der Mensch mit der von ihm geschaffenen technischen Leistungsfähigkeit seiner eigenen Vorstellungskraft und noch viel mehr seinem moralischen Empfinden für die Konsequenzen seines Handelns entflieht, in diesen Zeiten schafft es Nolan mit der Technik Technik einzufangen. Die Geschichte von Oppenheimer und Strauss macht für mich eine Geschichte. Die dargestellte Wucht der Atombombe macht für mich diesen Film.
Und was macht eigentlich Tom Cruise? Im Sinne der Steigerungslogik wird im neuesten Mission Impossible „Dead Reckoning Part One“ von Christopher McQuarrie die Welt von einer KI bedroht, die sich Handlanger sucht und digitale Sehgeräte, z. B. Überwachungskameras, live manipulieren kann. Die nächste Stufe von Deep Fakes. Über die Konsequenzen von KI, nicht einer KI mit eigenem Willen, aber lernenden, hochgradig fähigen Algorithmen was Wissens- und Bild bzw. Videogenerierung angeht, für die Gesellschaft, sollte mehr nachgedacht werden (zum Glück tut das der Chaos-Computer-Club gerade in Hamburg). Der Film nimmt sich dafür leider kaum Zeit. Mit den Gesichtsmasken hat die Reihe das Thema Täuschung und Manipulierung der Wahrnehmung sowieso schon seit Jahren aufgegriffen, trotzdem wird spürbar, dass dieser Schritt der digitalen Manipulation nochmal anders ist und die technologisierte Welt an die Grenzen des vernünftig Fortführbaren bringen kann. Statt weiterer Reflektion wartet der Film mit wertiger, gut inszenierter und mitreißender Action auf. Nur beim Ende wird es mir in dieser Filmreihe abermals zu viel des Guten.
Angenehm ruhig, langsam und feinfühlig und nicht minder aktuell war hingegen der Debütfilm der südkoreanisch-kanadischen Regisseurin Celine Song mit „Past Lives“. Endlich beschäftigt sich ein Film mit besonderen Freundschaften, aus denen unter anderen Umständen eine Paarbeziehung hätte werden können, und die zum Glück merken, dass auch die Liebe einer Freundschaft besonders und lebenswert ist, so schwer es auch manchmal scheint dieser eigenartigen Liebe ihre ihr eigene Begegnung zu schenken. Mit zwölf zog Nora aus Südkorea mit ihrer Familie fort, zwölf Jahre später findet er sie im Internet wieder. Trotz Freude über das Wiedersehen und langen Video-Calls verläuft sich der Kontakt nach zwei Jahren wieder. Beide wollen ihren eigenen Zukunftsplänen nachgehen und fühlen sich auf dem jeweiligen Kontinent zuhause. Dann besucht er sie 24 Jahre später in New York. Der Film passt in eine Zeit, in der junge Menschen, einander über kontinentale Grenzen hinweg kennenlernen und in Berührung bleiben aber auch verlieren können. Song fängt die Aufgeregtheit ihrer Charaktere unaufgeregt ein. Sie sind an ihr eigenes Leben angelehnt. Vielleicht ist es ihr deshalb gelungen, die richtigen Töne zu finden. Auch den Soundtrack will ich nochmal hervorheben.
Ganz andere Töne schlug der Film „Anatomie eines Falls“ von Justine Triet ein. Der blinde elf Jahre alte Daniel findet nach einem Spaziergang im Schnee seinen Vater auf dem Boden vor der Alpenhütte aufgeprallt. Tot. Wie konnte das passieren? Was bedeutet das für ihn? Seine Eltern hatten sich immer wieder heftig gestritten. War es Selbstmord, ein Unfall oder Mord durch seine Mutter? Wach beobachtet er das Geschehen im Gericht, das Ringen des Gesetzes um die Wahrheit, um ein Urteil. Als Zuschauende geht es uns wie ihm, wir müssen selbst ein Urteil fällen, wie wir zur Angeklagten stehen. Stück für Stück wird die Beziehung von ihr zu ihrem verstorbenen Ehemann seziert. Dabei werden uns im Gericht, sowie in einer rückgeblendeten Szene, die packendsten Dialogszenen neben The Banshees of Inisherin von 2023 präsentiert.

Filme, die ich verpasst, aber gerne gesehen hätte: The Whale, Spider-Man Across the Spider-Verse, Killers of the Flowermoon, The Killer, John Wick 4, Foe, Hör auf zu lügen, Sonne und Beton, Guardians of The Galaxy 3, Holy Spider, Die Fabelmans, Close, Asteroid City, Freaks Out.

STUDIO DIVERSE DREHBUCH DIVERSE REGIE DIVERSE JAHR 2023

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Licorice Pizza

"Licorice Pizza". Freunden diesen Titel zu erklären, ist gar nicht so einfach. Vielleicht wurde er gewählt, weil sich dieser Film wie eine gute Pizza mit vielen, wunderbaren und liebevoll angerichteten Belagen anfühlt, die am Ende dennoch so rund ist, wie eine Pizza eben sein sollte.

One battle after another

Wenn ich für den neuen Film von Paul Thomas Anderson einen tieferen Sinn finden müsste, dann wäre es wohl der, dass Gewaltausbrüche auf einem sexuellen Verlangen beruhen. Einem Verlangen, dass ideologische Brandmauern zu überwinden vermag, was es natürlich nicht darf. Und dennoch ist da diese Verbindung, weil die Art und Weise, wie radikale Menschen für ihre Prinzipien brennen, am Ende sehr ähnlich, erbarmungslos und erregt ist.

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