Explizit. Gehirn. Wille. Sex und God. Godwin, Wissenschaftler, Sohn eines schrägen Anatomisten und Besitzer eines Frankenstein-Gesichts, pflanzt das noch intakte Gehirn des ungeborenen Babys in die gerade verstorbene Mutter. Durch Fischaugen-Kameras gefilmt wird die Villa Godwins zum Spielplatz Bella Baxters, dem neugeborenen Bewusstsein im erwachsenen Körper, den ihr Emma Stone von Kopf bis Fuß überragend und voller Inbrunst und Blöße verleiht. Eine fesselnde bis ins Detail beeindruckende Performance. Das Einzige, was sie übertraf, waren die Szenen mit Mark Ruffalo. Er stößt als Anwalt auf Bella, verliebt sich in sie und will ihr die Welt zeigen. Die Rolle ist für ihn untypisch laut und groß in seinen Bewegungen, aber er macht es fantastisch. Das schräge Paar sorgt für die lustigsten Momente im Film. Situationskomik, phantasievolle Ästhetik, 19. Jh., verstörende Chirurgie, weibliche Lust, Abgründe der feinen Gesellschaft. Yorgos Lanthimos balanciert mehrere Genres auf einem Niveau wie Bong-Joon-Ho mit Parasite oder die Daniels mit Everything Everywhere all At Once, nur das bei Poor Things auch die Grenzen von Theater und Kino verschwimmen. Die Realitätstreue der Sets wird zugunsten einer Einfachheit und eines starken sinnlich, farblichen Eindrucks reduziert wie bei Ölgemälden eines William Turner oder eines Monet. Aber auch surrealistische Bilder à la Dali bewegen sich über die Leinwand. In Akten und Bühnenbildern voranschreitend zeichnet sich der Film wie das Theater durch eine eindrückliche Symbol- und Dialogsprache aus. Dennoch nutzt er alle Vorzüge des Films, den Schnitt, den Fokus und die Musik, um eine Erfahrung zu kreieren, die kontrovers und Grenzen entlangschreitend ist. Der Film hat mich aufgeladen und in kurzweiliger Manier über die gesamte Dauer am Limit gehalten. Bella Bexter ist kein zimperlicher Charakter. Sie strotzt nur so vor Selbstbestimmung, Neugierde und Mut und begibt sich auf eine rasante Entdeckungsreise. Nur ein für mich abruptes Ende, das dieser Reise aber vielleicht auch nicht gerecht werden kann, und ein zwischenzeitlich meine Ohren bombardierender Soundtrack schwächen den Film ein Müh ab. A la fin on dit formidable.

STUDIO u.a. SEARCHLIGHT PICTURES DREHBUCH TONY McNAMARA REGIE YORGOS LANTHIMOS JAHR 2023

Neueste Filmkritiken

Licorice Pizza

"Licorice Pizza". Freunden diesen Titel zu erklären, ist gar nicht so einfach. Vielleicht wurde er gewählt, weil sich dieser Film wie eine gute Pizza mit vielen, wunderbaren und liebevoll angerichteten Belagen anfühlt, die am Ende dennoch so rund ist, wie eine Pizza eben sein sollte.

One battle after another

Wenn ich für den neuen Film von Paul Thomas Anderson einen tieferen Sinn finden müsste, dann wäre es wohl der, dass Gewaltausbrüche auf einem sexuellen Verlangen beruhen. Einem Verlangen, dass ideologische Brandmauern zu überwinden vermag, was es natürlich nicht darf. Und dennoch ist da diese Verbindung, weil die Art und Weise, wie radikale Menschen für ihre Prinzipien brennen, am Ende sehr ähnlich, erbarmungslos und erregt ist.

Das Lehrerzimmer

Zug um Zug schaukeln sich die Ereignisse hoch. Carla Novak, hochmotivierte Mathe- und Sportlehrerin, kommt an ein Gymnasium, auf dem seit einer Reihe von Diebstählen eine „Null Toleranz Politik“ herrscht. In ihrem Eifer und Wunsch, die Schüler:innen zu schützen, fasst sie schnell einen handfesten Verdacht und geht in die Konfrontation. Doch was als Lösungsversuch für den Schulfrieden gedacht war, entpuppt sich als Beginn eines psychologischen Schachkampfes.

F1

Es ist halb zwölf nachts. Noch im Treppenhaus des Kinos überhole ich die Freundin, mit der ich in „F1“ war. Auf der Straße überholen wir Passanten, um den Zug zu erwischen. Im Zug stellen wir fest, dass wir eine Minute Umsteigezeit haben und rennen, sobald die Türen sich geöffnet haben. Der Film F1 will beschleunigen und ein Rennfieber auslösen. Bei uns hat er das geschafft.