Mächtige Wolken und Fetzen von Blau leuchten auf der Leinwand, dann sieht man blutende und tote Soldaten der Alliierten am Strand. Eine gescheiterte Truppenübung der bevorstehenden Landung. Die Zeit läuft. Der Plan darf nicht entdeckt werden und der Erfolg der Landung hängt davon ab, dass die Wellen nicht zu hoch und die Sicht gut sind. Alternativ droht ein Desaster. Basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von David Haig erzählt "Pressure" die unmittelbare Geschichte vor der Landung der Alliierten in Frankreich im Zweiten Weltkrieg, auch als D-Day bekannt. Andrew Scott spielt den von Churchill ausgewählten Meteorologen der Briten James Stagg. Er soll für Eisenhower die Wettervorhersage machen, unterstützt von dem amerikanischen Meteorologen Irving Krick. Dabei prallen zwei Vorhersagemethoden aufeinander, wie Borg gegen McEnroe. Der eine kühl, akribisch, der andere selbstbewusst und begeisternd. Eisenhower wird sich für einen entscheiden müssen und nur einer wird Recht behalten. Der Film "Pressure" besitzt alle Zutaten für ein Kammerspiel, das sich um politisches Entscheiden, Wissenschaft und Persönlichkeit dreht. Bezeichnend ist dabei, dass die engste Vertraute von Eisenhower, eine Frau unter lauter Männern – sachlich und sehr aufmerksam gespielt von Kerry Condon –, das Ganze zusammenhält. Hierin liegt eine besondere Stärke des Films. Abseits von der historischen Situation zeigt der Film, wie einzelne Handlungen den psychischen Druck auf Eisenhower und Stagg erhöhen oder mildern. Das Schauspiel von Brendan Fraser und Andrew Scott orientiert sich an ihrer psychischen Belastung. Beide sind sehr gewissenhaft und ihrer Sache verschrieben. Zumeist zeigen sie nuanciert, was in ihnen vorgeht: Mimik, Stimme, kleine Gesten der Unsicherheit. Es braucht viel, um sie aus sich herausfahren zu lassen. Doch wenn es passiert, so bringt Scott als Stagg noch mehr als Fraser eine beeindruckende Präzision, wenn er laut wird. Das ist ebenso gute Unterhaltung wie die Dynamik von Stagg und Krick, dem Amerikaner. Im Wettkampf der Meteorologen gelingt der schmale Grat zwischen wissenschaftlichem Anspruch und Verständlichkeit. Beide Ansätze zur Wettervorhersage werden nachvollziehbar dargestellt, ohne sich in Details zu verlieren. Die Inszenierung gibt noch eine weitere Ebene hinzu. Indem wir Amerikaner während der Arbeit eine Tanzeinlage geben sehen oder am Tag der Landung singend in der Kirche während Stagg den Vögeln und dem Wind lauscht. Damit zeigt sie: Wissenschaftliche Arbeit ist immer kulturell und persönlich geprägt. Über allem thront jedoch die nackte Tatsache, ob es wie vorhergesagt regnet oder nicht. Diese Zuspitzung der Geschichte wirkt in manchen Dialogen etwas konstruiert. Auch die Rahmung der Handlung durch Staggs hochschwangere Frau wirkt so dramatisch, als wäre sie extra für den Film geschrieben. Sie entspricht jedoch der Wahrheit. Bei der Action bleibt der Film lieber dem Theaterstück verhaftet, als die 30 Jahre alte Landungsszene des Films „Der Soldat James Ryan“ überbieten zu wollen. Für einen großen Kinofilm ist das etwas zu wenig. Wer den Film für sein Schauspiel und seine Spannung besucht, wird hingegen nicht enttäuscht. Im Juni 1944 bedeutete politisches Entscheiden auf Wissenschaft zu vertrauen. Und Wissenschaft bedeutete und bedeutet immer, diese über die eigene Person, Ambitionen und Wunschvorstellungen zu stellen. Dem Film "Pressure" gelingt es, zu zeigen, wie knapp, wie spannend und wie historisch dieses Ringen von Politik, Wissenschaft und Mensch unter höchstem Druck ist. Nah an den Fakten schafft der Regisseur Anthony Maras ein Kriegsdrama mit neuen Blickwinkeln, die durchaus auch die gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten rund um die Klimapolitik berühren.
STUDIO u.a. WORKING TITLE FILMS DREHBUCH DAVID HAIGH, ANTHONY MARAS REGIE ANTHONY MARAS JAHR 2026
Neueste Filmkritiken
Good Time
Mein Herz rast. Was war das denn gerade? Wie ein Kick in die Magengrube nur um dann doch noch auf einer sanften, melancholischen Note zu landen. Mitreißend, packend und auch berührend ist Good Time ein Film der amerikanischen Regie-Brüder Joshua und Benjamin Safdie.
Titane
Der Film „Titane“ geht unter die Haut. Wer emotional und bildgewaltig auf festen Füßen steht, kann mit diesem Film auf eine gefühlvolle Reise gehen, die in dieser Form einzigartig ist. „Titane“ veranschaulicht den seelischen Kampf eines Menschen, die sich selbst und ihre eigene Leiblichkeit – allen voran ausgedrückt durch die eigene Sexualität – nicht annehmen kann, und das in einer bedrückenden Konsequenz.
The Guilty
Ein Mann sitzt in einer Notrufzentrale in Kopenhagen und telefoniert. Der dänische Film The Guilty (2018) ist das Argument für alle, die schon immer gefühlt haben, dass es bei einem Film nicht zuerst um die Bilder geht.
The Terminal
„The Terminal“ ist einer dieser Filme, die ohne große Effekte auskommen und quasi nur an ei-nem Ort spielen. In diesem Fall das Terminal des JFK Flughafens in New York. Die Hauptfi-gur Viktor Navorski – grandios gespielt von Tom Hanks – bleibt dort stecken, weil sich sein Herkunftsland während seiner Flugreise durch einen eskalierten Bürgerkrieg praktisch in Luft aufgelöst hat, zumindest rechtlich. Seine nun ungültigen Papiere erlauben dem Flughafenmana-ger nicht, ihn einreisen zu lassen, aber genauso wenig, ihn wieder ausreisen zu lassen.
Hinterlasse einen Kommentar