Über den Bäumen von Oslo schwankt die Kamera langsam zum Haus der Borgs. Eine ältere Frauenstimme erzählt, dass Nora als Kind einen Aufsatz aus Sicht eines Objektes schreiben sollte. Nora hat das Haus gewählt. Seit Generationen im Familienbesitz bildet es den Grundstein des intergenerationalen Familiendramas „Sentimental Value“. Der Tod der Mutter von Nora und ihrer jüngeren Schwester Agnes führt Nora nach langer Zeit zu einer Begegnung mit ihrem Vater Gustav. Sie können nicht miteinander reden und Nora kann es kaum in einem Raum mit ihm aushalten. Nach und nach zeigt Joachim Trier die Welten der beiden und Ausschnitte aus Noras Leben, die uns zeigen, wie ihre Kindheit und Beziehung zu ihrem Vater sie bis heute prägen. Aber auch die Kindheit von Gustav wird in Rückblicken gezeigt. Es ist dabei kein Zufall, dass er ein international bewunderter Filmregisseur und sie die erste Schauspielerin im Osloer Theater geworden ist. Berufe, bei denen sie sich in tiefster, emotionaler Intimität und Nähe anderen Menschen zeigen können bei zugleich größtmöglicher Distanz. Eine Distanz, die wir in anderer Form in einer stummen Wucht spüren, wenn sich Stellan Skarsgård als Gustav und Renate Reinsve als Nora auf der Leinwand begegnen. Eine Distanz unter der beide leiden und hinter der trotz der emotionalen Kälte von Gustav in manchen Momenten ein sentimentales Verständnis für Nora durchblitzt, während die Distanz für Nora als Angst vor Nähe in ihre anderen Beziehungen ausstrahlt, aber: „Alles gut“. Natürlich nicht.
Trotz einer Vielzahl weiterer Akteure und und spannender Einblicke in die Welt des Theaters und des Films hält Joachim Trier meisterhaft den Fokus auf der Beziehung, die er erzählen will, sodass ich spätestens ab der Hälfte nur noch staunend über jedes Timing, jede Abfolge von Szenen, jeden getroffenen Ton und jede Einbindung des Familienhauses da saß. Das Ensemble um Joachim Trier spielt die Seiten menschlicher und mehr-als menschlicher Beziehungen wie die Wiener Symphoniker, ja „Sentimental Value“ ist, was als Film einer Symphonie am nächsten kommen mag. Dennoch muss ich mit Renate Reinsve einen einzelnen Menschen hervorheben. Ihr gelingt es, die gesamte, erzählte Tiefe der Familie Borg in ihrer Nora zu zeigen.
So bleibt mir nichts übrig als festzuhalten, dass diese kollektive und individuelle Leistung für mich die beste des Jahres waren. Um sie zu sehen, hat es nicht mehr gebraucht, als meine volle Anwesenheit. Aber die hat es gebraucht, weshalb ihr diesen Film (und nicht irgendeinen Film mit blauen, großen Wesen) im Kino sehen solltet, falls ihr die Chance dazu habt.

Wenn jemand, wie ich, einen Film bespricht, so stellt er sich in der Regel die Frage, was der Film erzählen wollte und wie er es erzählt hat. Es gibt aber noch einen dritten Aspekt und zwar die Frage: Was der Film den Zuschauenden mitgeben will. Viele Filme vernachlässigen diesen Aspekt, belassen ihn bei dem Unterhaltungswert, sodass es kaum lohnt, ihn zu erwähnen. Bei „Sentimental Value“ muss er abschließend erwähnt werden. In über zwei Stunden entwickelt der Film ein Verständnis für die beiden Schwestern und ihren Vater und zugleich für alle, die Ähnliches erleben. Ein Verständnis für die übermenschliche Gewalt der eigenen Kindheit und Familiengeschichte, der menschlichen Gewalt der eigenen Gefühls-, Mut- und Entscheidungskraft und ein Verständnis für die Kraft derjenigen, die immer mit einem und dadurch die Hoffnung auf Veränderung sind, selbst wenn sie so unsichtbar sind, wie die Mutter in dem Film, die wir vielleicht nur gehört haben.

STUDIO NEON DREHBUCH ESKIL VOIGT und JOACHIM TRIER REGIE JOACHIM TRIER JAHR 2025

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