Ein Mann sitzt in einer Notrufzentrale in Kopenhagen und telefoniert. Der dänische Film The Guilty (2018) ist das Argument für alle, die schon immer gefühlt haben, dass es bei einem Film nicht zuerst um die Bilder geht. Was paradox klingt – ist doch die Definition eines Filmes die Aneinanderreihung von Bildern – muss etwas aufgeschlüsselt werden. Natürlich zeigt auch dieser Film noch Bilder, aber sie sind schnell auserzählt. The Guilty arbeitet in erster Linie mit den Bildern in den Köpfen der Zuschauerinnen, die er geschickt durch die Telefongespräche des Polizisten und Protagonisten Asgar erzeugt. Mit Asgar lernen wir das Rotlicht-Milieu kennen oder die anderen Notrufzentralen. Und wir erleben die aufgelöste Iden, die gerade entführt wird und im Gespräch mit Asgar vortäuscht mit ihrem Kind zu sprechen. Der Film lebt davon, was er nicht zeigt. Genauso wie für Asgar bleibt für den Zuschauer die Welt am anderen Ende der Leitung unsichtbar, aber eben nicht unvorstellbar. Das Telefongespräch ist wie ein kleines Schlüsselloch zur anderen Seite. Ein kleiner Kommunikationskanal, der Asgar mit den anderen Menschen verbindet, sodass, was auf der einen Seite passiert, sich auf den Menschen auf der anderen Seite auswirkt. Es ist ein fabelhaftes Porträt des Spiels der Polizei, Informationen vom anderen Ende zu bekommen und geschickt Informationen zu geben, um Einfluss zu nehmen. Dass dieses Spiel von keiner Seite kontrolliert werden kann, zeigt der Film auf emotionale Art und Weise. Hier, bei der Darstellung von Asgar, kommt er tatsächlich nicht ohne Bilder aus. Aber der Film ist sich dessen, was er sein will, bewusst. Die Notrufzentrale ist in kühlen, blauen und eher langweiligen, wenig kontrastreichen Farben gehalten. Nur die schlichte Lampe des Telefons leuchtet in sanftem Rot, wann immer ein Anruf im Gange ist. Die Kamera ist sehr ruhig und schwankt nicht in der Höhe. Der Schauspieler hinter Asgar fügt sich genauso nahtlos in eine Geschichte ein, die sich im Dunkeln abspielt. Mit seiner ruhigen, unaufgeregten, fokussierten Interpretation von Asgar in den Momenten des Gesprächs mit Opfer oder Täter, schafft er die perfekte Balance zwischen den zwei Welten, die im Zuschauer aufeinandertreffen sollen. Seine Welt und die Welt am anderen Ende der Leitung.
In dem Film geht es nicht zuallererst um die Bilder, sondern um die Beziehungen, die die Charaktere durch ihre Kommunikation aufbauen oder bereits aufgebaut haben und weiterentwickeln. So ändert sich der Tonfall und die Wortwahl von Asgar als er merkt, dass er mit seinem kumpelhaften Vorgesetzten in einer anderen Notrufzentrale verbunden wurde. Durch ein auffälliges Schauspiel und tolle Bildeffekte vergessen wir gerne, dass Spannung und Emotionen durch die Beziehungen der Charaktere entstehen, die glaubhaft über die gezeigte Kommunikation eben jener Personen aufgebaut und dem Zuschauer vermittelt werden. The Guilty schafft genau das par excellence und ist dadurch einer der spannendsten Filme der letzten Jahre. Selten schafft es ein Film, dass man so sehr wissen will, wie es weitergeht.
STUDIO u.a. NORDISK FILM DENMARK DREHBUCH EMIL NYGAARD ALBERTSEN, GUSTAV MÖLLER REGIE GUSTAV MÖLLER JAHR 2018
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Der Film „Titane“ geht unter die Haut. Wer emotional und bildgewaltig auf festen Füßen steht, kann mit diesem Film auf eine gefühlvolle Reise gehen, die in dieser Form einzigartig ist. „Titane“ veranschaulicht den seelischen Kampf eines Menschen, die sich selbst und ihre eigene Leiblichkeit – allen voran ausgedrückt durch die eigene Sexualität – nicht annehmen kann, und das in einer bedrückenden Konsequenz.
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The Terminal
„The Terminal“ ist einer dieser Filme, die ohne große Effekte auskommen und quasi nur an ei-nem Ort spielen. In diesem Fall das Terminal des JFK Flughafens in New York. Die Hauptfi-gur Viktor Navorski – grandios gespielt von Tom Hanks – bleibt dort stecken, weil sich sein Herkunftsland während seiner Flugreise durch einen eskalierten Bürgerkrieg praktisch in Luft aufgelöst hat, zumindest rechtlich. Seine nun ungültigen Papiere erlauben dem Flughafenmana-ger nicht, ihn einreisen zu lassen, aber genauso wenig, ihn wieder ausreisen zu lassen.
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Irgendwie werde ich mit dem Film nicht warm. Die Action wirkt oft austauschbar, selbst wenn die Setgestaltung und die Orte wunderbar aussehen. Wenn ich den Film in einem Satz beschreiben müsste, dann wäre es wohl dieser: "No Time to Die" testet Grenzen aus. Er testet die Grenzen dessen aus, was Bond ist oder eben nicht ist. Über das Ergebnis dieser Strapazierung des Gewohnten wird natürlich gestritten werden. Für mich war es die Erkenntnis, dass „No Time to Die“ oft nicht Bond ist.
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