Eine Gruppe junger Männer mit freiem Oberkörper drängt sich in einen Raum. Sie warten auf ein Casting für männliche Models. Ein etabliertes Model fordert die Wartenden heraus. Die Hauptfigur Carl soll ihren schmollenden Blick aufsetzen. „Perfect. That’s Chanel, Boss. We look down on you. Now smile“. Carl lacht und zeigt seine Zähne. “H&M!” ruft die andere Person lachend. Der Geist kontrolliert den Körper.
„Triangle of Sadness“ ist ein Film seiner Zeit. Einer Zeit, in der die westliche Gesellschaft ihre eigenen Grundfesten bis aufs Mark zu durchleuchten beginnt. Das Verhältnis von Frau und Mann, von Reich und Arm, von Kapitalismus und Natur. Und was hat es mit dieser Idee der Gleichheit zu tun, die den schwedischen Regisseur bereits in seinem Vorgängerfilm „The Square“ (2017) so sehr beschäftigt hat?
Kunst überspitzt und übertreibt, um den Blick des Betrachters auf etwas zu richten, ja beinahe zu zwingen. Im Falle von „Triangle of Sadness“ ist es die nachwievor stattfindende Reproduktion von kontextabhängigen ungleichen Machtverteilungen zwischen Geschlechtern und sozio-ökonomischen Klassen, also zwischen ihr und ihm beim Abendessen im schicken Restaurant und den Luxusgästen, der Crew und der Putz-, Koch- und Maschinenbaukraft unter Deck einer Yacht. Das mit der Gleichheit ist in all diesen Fällen nämlich gar nicht so einfach, wie der Film in seinen humorvollsten Momenten eindrucksvoll zeigt.
Ruben Östlund ist sich der Körperlichkeit von Gesellschaften bewusst. Soziale Ungleichheit ist immer verkörperte Ungleichheit bzw. genauer gesagt, materialisierte Ungleichheit. Das Luxusschiff muss zuerst sinken und die Weingläser zuerst zerschellen, bevor die Menschen ein anderes Verhältnis zueinander aufbauen können. Aber wie Carl, der seiner Influencer-Freundin Yaya versucht Feminismus zu erklären, verpasst Östlund die Chance uns etwas Neues zu zeigen. Wie könnte eine Machtverteilung, die auf der Idee der Gleichheit beruht praktisch aussehen? Der Akt der Therapie bleibt der Zuschauerin verwehrt. Dieser Film will jedoch nicht therapieren, er will den letzten Schritt gehen, in einer Gesellschaft, die verzweifelt auf ihr eigenes Ende zuschreitet. „Triangle of Sadness“ zeigt die Absurdität der heutigen Zeit schärfer auf als je zuvor. Wenn Nutella Gläser per Helikopter über den Atlantik transportiert werden oder Menschen versuchen einander mit Luxusuhren zu bestechen. Diese Gesellschaft ist sich selbst und unserer natürlichen Lebenswelt längst zu viel. Sinnbildlich lässt Östlund dafür die Toiletten spritzen. Wir können nicht länger weggucken. Wir müssen der Scheiße, die wir tagtäglich reproduzieren ins Auge sehen. Das ist der erste Schritt. Der Film „Triangle of Sadness“ will genau das und nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das Mittel der Umkehrung ist dafür die geeignete Wahl, weil Kontrast, die Aufmerksamkeit auf sich zieht und für Schärfe sorgt.
STUDIO u.a. BBC FILM DREHBUCH RUBEN ÖSTLUND REGIE RUBEN ÖSTLUND JAHR 2022
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Enzo
Der 16-Jährige Enzo bricht die Schule ab und beginnt eine Ausbildung zum Maurer. Nach der Arbeit springt er in den Pool des Hauses seiner wohlhabenden Eltern und zieht mit disziplinierten, immer gleichen Bewegungen seine Bahnen. Seine Eltern unterstützen ihn, halten ihre Sorgen und Kritik an Enzos Entscheidung aber nicht zurück. Ihnen wäre lieber, wenn er die Schule beendet und seinem künstlerischen Talent auf einer Privatschule nachgeht. Auf dem Bau lernt er den gutaussehenden Ukrainer Vlad und dessen Kumpel Miroslav kennen. Enzo fühlt sich auf eine jugendlich unerfahrene Weise in der sommerlichen Kulisse der Côte d’Azur zu Vlad hingezogen.
Marty Supreme
Josh Safdie hat etwas verstanden, was eigentlich auf der Hand liegt, aber doch viele Geschichtenerzählende zu übersehen scheinen: Der Charakter eines Charakters liegt nicht nur in seinem Charakter, sondern genauso in seiner Umgebung. Klingt paradox? Ist es aber nicht. Ja, Marty Mauser ist ein waschechter Egoist, ja, er hält sich für den besten Tischtennisspieler der Welt und ja, er ist verdammt ungeduldig. Aber die Menschen im New York der 50er sind es auch. Sein Onkel, der Marty ohne Rücksicht zum Geschäftsführer seines Schuhladens machen will. Seine Freundin, Nicht-Freundin, die abgesehen davon, dass sich Marty ihr gegenüber die meiste Zeit wie ein beschissener Freund verhält, auch eine Ungeduld auf Marty überträgt.
Chronicles from the Siege
Die Sprache des Kinos ist eher das Zeigen als das Sprechen. Und es ist ein Statement von Wim Wenders und der Jury der Berlinale, die wegen ihrer Unpolitikalität kritisiert wurden, dass der Goldene Bär und der Preis für den besten Debütfilm an Filme gingen, die die Ungerechtigkeit der Unterdrückung auf so kunstvolle, detaillierte und humanistische Weise zeigen. Während sich „Yellow Letters“ von Ilker Çatak auf die privilegierte Welt konzentriert, zeigt „Chronicles from the Siege“ von Abdallah Al-Khatib die rohe Brutalität des Überlebens in Palästina.
Gelbe Briefe
Im neuen Film von Ilker Catak geht es um ein erfolgreiches Künstlerpaar in der Türkei. Aziz schreibt Theaterstücke und ist Professor. Derya ist Schauspielerin am Nationaltheater in Ankara und ist oft die Hauptdarstellerin in seinen Stücken. Den Film „Gelbe Briefe“ zeichnet aus, dass er sich über viele Seiten seinem Thema nähert, über kleine Handlungen, über Dialoge oder mal über deutliche Statements geschickt eingewoben durch die Berufe der beiden Hauptfiguren, Schreiben und Sprechen. So verweigert Derya in der Eingangsszene als erste kleine Handlung einem hohen Staatsmann nach der Premiere eines politischen Theaterstücks das gemeinsame Foto. Das Thema nimmt an Fahrt auf, als die beiden Gelbe Briefe von der Universität und dem Theater bekommen mit der ironischen Nachricht: „Wir akzeptieren ihre Kündigung“.
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