Wie kann ein Film, der vor hundert Jahren auf einer kleinen irischen Insel spielt, fesselnder und kurzweiliger sein, als das audio-visuelle Spektakel Avatar 2? Vielleicht, weil es spannender ist, die Entwicklung eines fundamentalen Konflikts in der Beziehung von zwei Freunden mitzubekommen, die Jahr ein Jahr aus täglich in denselben Pub gingen um einen zu trinken, als eine langgestreckte Zeit auf Pandora zu verbringen. Das Thema in „The Banshees of Inisherin“ ist ein Existenzielles. Colm muss sich schon lange mit der von ihm gewählten Existenz unwohl gefühlt haben. Eine Existenz, dessen Hauptsinn aus der Freundschaft zu Padraic besteht. Der Teil in ihm, der das Geige Spielen liebt und Musik für die Nachwelt komponieren möchte, ist vermutlich bereits Jahre zu kurz gekommen. Diese Ausgangslage erzählt McDonough in den ersten Minuten. Eine Lage, die jedem Menschen aus der ein oder anderen Beziehung bekannt vorkommen wird. Wie leicht kann es schließlich passieren, aus Nettigkeit nicht in den Konflikt zu gehen, der besteht, weil man plötzlich nicht mehr mit derselben Ruhe auf dem Stuhl im Pub sitzt. Wie schwer ist es, dieses Unglück (für die Freundschaft und Glück für das, was immer zu kurz gekommen ist) selbst zu begreifen und einem anderen verständlich zu machen? Aber genau das wäre nötig, in Anbetracht des Konflikts, Zeit mit Padraic oder Zeit mit der Geige zu verbringen. Während Padraic’s Hauptcharakterzug der ist, dass er nett ist, stellt er sich selbst in Bezug auf Colm irgendwann die Frage, ob dieser all die Zeit wirklich nett war. Wohl zurecht, denn wie kann einer ehrlich nett sein und zu einer wertvollen, erinnerungswürdigen gemeinsamen Zeit beitragen, wenn er nicht selbst aufrichtig nett sein kann, weil er diese Unruhe in sich spürt. Diese Unruhe in den Stunden, die der Tag bringt, auch noch einen anderen Lebenssinn verfolgen zu wollen. Und jeder Tag, wo dieser Wunsch ignoriert wird, entsteht ein kleines Leiden, das sich auftürmt, bis es platzt. Dieser Knall setzt auf der Insel, mit ihren Charakteren wie aus einem Theaterstück und auf der sonst nicht viel passiert, eine Reihe von Ereignissen und Entwicklungen in Gang. Was könnte spannender sein, als diese Entwicklungen von einem der feinsten Beobachter menschlicher Charakterbeziehungen in meisterhafter Regie, bei der jede Einstellung, jede Szene und jedes Erklingen der Musik stimmt, erzählt zu bekommen?
STUDIO u.a. SEARCHLIGHT PICTURES DREHBUCH MARTIN McDONAGH REGIE MARTIN McDONAGH JAHR 2022
Neueste Filmkritiken
Anatomie eines Falls
Ein mehrdeutiger Fall aus einer mehrstöckigen Holzhütte in den französischen Alpen. Dies ergibt die Obduktion des gefallenen Körpers von Samuel. Zurück bleiben seine Ehefrau Sandra und der gemeinsame seit einem Unfall nahezu blinde Sohn Daniel. Weil der Körper und die Hütte keine eindeutigen Spuren hinterlassen, kommt es zu einem langen und vielschichtigen Prozess im Gericht. Angeklagte ist sie, Ankläger die Staatsanwaltschaft, Verteidiger ein Freund, der Anwalt ist, Suchender ist er, Daniel.
Little fires everywhere
What we want to believe. What we want to see. What we want to become or not to become. It is fear that makes this want desperate and that covers the sky with clouds. A sky that is sunny and cloudy and light and dark altogether. I have rarely seen a better use of characters to support the painting of a greyshaded picture with two moms in the center that couldn’t be more different, one black the other white, one an artist with an only child the other a career-driven mother that manages four children, one a traveler sleeping in the car, the second a settler sleeping in a villa. But both have their secrets and decisions of the past.
Aftersun
„Aftersun“, das Debut der schottischen Filmschaffenden Charlotte Wells, strotzt nur so vor Kreativität, Mut und Feinfühligkeit.
The Menu
Wie sein ein Monat früher geborener Zwilling „Triangle of Sadness“ reflektiert „The Menu“ auf bissige Art und Weise Machthierarchien bis sich mir beinahe der Magen umdreht. Diese Bewegung der Umkehrung ist bei beiden Filmen der Kern und doch offensichtlich nicht die Botschaft.
Hinterlasse einen Kommentar