Ein Film so ruhig, feinwahrnehmend und präzise wie sein Protagonist Christian (Franz Rogowski). Dieser beginnt eine Probezeit in einer großen Lebensmitteleinkaufshalle als Nachtschicht. Zugeteilt wird er Bruno (Peter Kurth), dem Gabelstapler-Fahrer der Getränkeabteilung, der eigentlich lieber wieder LKWs über die Straße bewegen würde. Ehe er sich‘s versieht, ist Christian eingebunden in die Gepflogenheiten dieses eigenartigen Ortes: „Fuffzehn“ mit Bruno auf der Toilette. Die Kippen werden runtergespült. Containern is nich. Man nimmt sich nur, wenn niemand guckt oder man der Lagervorsitzende ist. „Die da oben“ sieht man nicht, machen den Papierkram und feuern einen, wenn man in der Probezeit Mist baut. Christian bleibt eh lieber auf dem Boden. Zwischen den Regalen entdeckt er Marion (Sandra Hüller) aus der Süßwarenabteilung. Weil Christian nicht sehr gesprächig ist, kommt in der Begegnung der beiden das volle schauspielerische Talent von Hüller und Rogowski zu tragen, bei dem jeder Blick, jede Mimik und jede Geste sitzt, sodass so nah erlebbar wird, wie sich die beiden annähern. In den Gängen entsteht die Hoffnung auf ein neues Leben, auf ein Wegwischen der ungeliebten Vergangenheit, die an einem haftet, wie nasser Sand am Meer. Und in den Gängen entsteht die Verzweiflung, eingebunden an einem Ort zu sein, an dem man verkümmert. Basierend auf der Kurzgeschichte „Die Nacht. Die Lichter“ von Clemens Meyer, der persönlich mit dem Regisseur Thomas Stuber das Drehbuch ausarbeitete, ist „In den Gängen“ eine ethnologische Großmarktstudie, die bis in die Grundfragen der einzelnen Existenzen, die dort ihren Lebensmittelpunkt finden, vordringt, ohne dabei aufdringlich zu sein. Feine Beobachtungen reihen sich an wie aus der Realität geschnittene Szenen und Charaktere. Durch die Eigenheit des Lagervorsitzenden klassische Sonaten durch die ganze Halle zu schicken und durch ähnliche Szenen, entsteht immer wieder ein situationskomischer bis surrealer Grundton, der dem Film eine theaterartige, künstlerische Seite verleiht. Am Ende ist „In den Gängen“ ein rundes, perfekt durchinszeniertes Kunststück, das den verrufenen deutschen Film um mehrere Klassen(treffen) aufwertet.
STUDIO u.a. ARD DREHBUCH CLEMENS MAYER, THOMAS STUBER REGIE THOMAS STUBER JAHR 2018
Neueste Filmkritiken
The Drama
The Drama erkundet die dunklen und die hellen Seiten der menschlichen Psyche mit einem Verständnis für den Einfluss von Mitmenschen, von Zeitdruck und von der Gesellschaft auf diese Seiten. Das Drama entsteht, weil Emma und Charlie mit ihren Trauzeugenden, dem befreundeten Paar, Rachel und Mike, drei Tage vor der Hochzeit zu Abend essen. Gegen Ende kommt die Frage auf: Was war das Schlimmste, was du jemals im Leben getan hast?
Enzo
Unter dem blauen Sommerhimmel an der Côte d’Azur bricht der 16-Jährige Enzo die Schule ab und beginnt eine Ausbildung zum Maurer. Nach der Arbeit springt er in den Pool des Hauses seiner wohlhabenden Eltern und zieht mit disziplinierten, immer gleichen Bewegungen seine Bahnen. Seine Eltern unterstützen ihn, halten mit ihren Sorgen und Kritik an Enzos Entscheidung aber nicht zurück. Ihnen wäre es lieber, wenn er die Schule beenden und seinem künstlerischen Talent auf einer Privatschule nachgehen würde. Auf der Baustelle lernt er den gutaussehenden Ukrainer Vlad und dessen Kumpel Miroslav kennen. Die aufkeimende Anziehung von Enzo zu Vlad stellt ihn vor die Aufgabe, seine jugendliche Komfortzone zu verlassen.
Marty Supreme
Josh Safdie hat etwas verstanden, was eigentlich auf der Hand liegt, aber doch viele Geschichtenerzählende zu übersehen scheinen: Der Charakter eines Charakters liegt nicht nur in seinem Charakter, sondern genauso in seiner Umgebung. Klingt paradox? Ist es aber nicht. Ja, Marty Mauser ist ein waschechter Egoist, ja, er hält sich für den besten Tischtennisspieler der Welt und ja, er ist verdammt ungeduldig. Aber die Menschen im New York der 50er sind es auch. Sein Onkel, der Marty ohne Rücksicht zum Geschäftsführer seines Schuhladens machen will. Seine Freundin, Nicht-Freundin, die abgesehen davon, dass sich Marty ihr gegenüber die meiste Zeit wie ein beschissener Freund verhält, auch eine Ungeduld auf Marty überträgt.
Chronicles from the Siege
Die Sprache des Kinos ist eher das Zeigen als das Sprechen. Und es ist ein Statement von Wim Wenders und der Jury der Berlinale, die wegen ihrer Unpolitikalität kritisiert wurden, dass der Goldene Bär und der Preis für den besten Debütfilm an Filme gingen, die die Ungerechtigkeit der Unterdrückung auf so kunstvolle, detaillierte und humanistische Weise zeigen. Während sich „Yellow Letters“ von Ilker Çatak auf die privilegierte Welt konzentriert, zeigt „Chronicles from the Siege“ von Abdallah Al-Khatib die rohe Brutalität des Überlebens in Palästina.
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