„A face!“, „A fleet!“, „A war!“, A man!”, A thought!”, “A trick!” Odysseus, dessen List Troja besiegte, ist verschollen. Man lässt sich seine Geschichte erzählen. Penelope, die Herrin von Ithaca, wartet auf ihren Gatten Odysseus. Sie musste ihm versprechen, einen neuen Gemahl zu wählen, sollte er nicht zurückkehren. Nun hält sie seit bald drei Jahren die zunehmend respektlosen, ihre Gastfreundschaft ausnutzenden und ungeduldigen Freier hin, während Odysseus von der Nymphe Calypso auf einer einsamen Insel festgehalten wird. Währenddessen breiten sich Geschichten eines Seevolkes aus, das Inseln überfällt und Zeus heiliges Gesetz der Gastfreundschaft missachtet. Die Angst auf Ithaca vor den Freiern und vor dem Seevolk wächst und sein zum Mann gewordener Sohn Telemachos macht sich auf den Weg, um Odysseus zu finden.
Christopher Nolan verfilmt mit „The Odyssey“ einen 3000 Jahre alten Stoff rund um die Themen Krieg und Religion, Verantwortung und Tod, Vertrauen und Verrat. Dabei bleibt er zugleich der Geschichte treu wie sich selbst. Nolan nutzt die Chance dieses epischen Stoffs mit Göttern, Zyklopen, Zaubererinnen und vielem mehr, um seinen bisher symbolisch und metaphorisch geladensten Film zu machen. Er erzählt die Geschichte seinen Stil beibehaltend in mehreren Zeitebenen, ohne dass den Zuschauenden der Überblick verloren geht. Zusätzlich schafft er es dadurch, die Spannung über die knapp drei Stunden hinweg durchgängig zu halten, an den richtigen Stellen durch erzählerische Wechsel Ruhe reinzubringen und am Ende ein emotionales und intellektuelles Crescendo zu erwirken. Mit diesem Crescendo wird deutlich, dass Nolan seine eigene Perspektive auf den Stoff hat, mit der er die Sagengeschichte unheimlich nah an das gegenwärtige Zeitalter rückt. Die Figur des Odysseus dient wie schon Oppenheimer als Kristallisationspunkt zivilisatorischer Fragen rund um menschliches Können, Schuld und Verantwortung. Im Gegensatz zum Genie Oppenheimer ist Odysseus eine Figur mit größerer persönlicher Identifikation in unserem säkularisierten Zeitalter, weil er der Pionier ist, der den Göttern mit seinem Verstand trotzt.
Der Film funktioniert aber auch als Abenteuerfilm. Die einzelnen Prüfungen für Odysseus und seine Männer sind spannend und grandios inszeniert. Leider fehlt an ein bis zwei Stellen die erzählerische Relevanz. Auch bleiben die mythischen Wesen emotional schwer greifbar, sodass die Magie zwar als etwas Bedrohliches gezeigt, aber nicht als eine eigene Kraft mit eigener Tiefe fühlbar wird. Ihre Darstellung ist passend zur restlichen Inszenierung der altgriechischen Welt an realen Orten. Besonders der Zyklop hat eine Physis, die durch digitale Effekte allein nicht zu erreichen ist.
Wenn auch, wie einige beanstanden, historisch nicht immer korrekt und zudem rein amerikanisch besetzt funktioniert die Filmerfahrung doch optisch in einem Guss. Der Soundtrack von Ludwig Göransson untermalt die Geschehnisse atmosphärisch, religiös und dramatisch. Er verwendet unter anderem Gongs und nachgebaute Instrumente aus der damaligen Zeit. Das Schauspiel und die Bilder schaffen es im Gegensatz zu einigen anderen Nolan-Filmen dem lauten Score standzuhalten. Matt Damon trägt die große Verantwortung eines gewissenhaften Anführers und Gatten zu jeder Sekunde. Das Wechselspiel aus äußerer und innerer Reise wäre bei kaum einem besser aufgehoben als bei ihm. Bei den Nebendarstellenden gibt es einige, die besonders Spaß machen, zuzusehen. John Leguizamo als treuer Freund von Odysseus auf Ithaca oder Samantha Morton als Zauberin Kirke.
Für das Schauspiel sei nicht zu vergessen, dass die ganze Zeit ungewohnt, riesige analoge IMAX Kameras vor den Gesichtern hingen. In der Tat ist die Kamera besonders in dramatischen Szenen zum Beispiel auf dem Schiff nah dran, wodurch die Intensität gesteigert wird, aber zuweilen Orientierung verloren geht. Insgesamt wird die Kamera die Figuren auf Schritt und Tritt begleitend eingesetzt. Nur am Ende verdeutlicht ein auffälliger Perspektivenwechsel den dramaturgischen und emotionalen Höhepunkt. In dieser Szene läuft der bisherige Aufbau des Films mit den mehreren Zeitebenen, Erzählsträngen und Nolans eigener Perspektive zusammen. Nolan beschäftigt die Geschichte von Homer seit seiner Kindheit. Er wird sich die Frage gestellt haben, warum Homer Odysseus als Leidtragenden dieser verfluchten Heimreise gewählt hat. Er wird sich die Frage gestellt haben, was diesen Epos noch heute relevant macht. In dieser Szene, in der alles zusammenkommt, gibt er seine Antwort und schafft dadurch einen intellektuellen Twist, der zugleich emotional einschlägt.
„The Odyssey“ ist handwerklich, schauspielerisch und erzählerisch auf einem sehr hohen Niveau. Die knapp drei Stunden fühlen sich wie gute zwei Stunden an. Trotz ein paar Schwächen steuert Nolan seine Inszenierung mit viel Zielsicherheit und hält immer den Faden zu den Zuschauenden. Dadurch ist der Film nochmal ein Stück fokussierter als Oppenheimer und insgesamt sein reifstes Werk.

STUDIO UNIVERSAL PICTURES, SYNCOPY DREHBUCH CHRISTOPHER NOLAN REGIE CHRISTOPHER NOLAN JAHR 2026

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